Mittwoch, 26. Juni 2013

Leseprobe "Der Zirkel"



Im Gerichtssaal selbst ist die Presse auch noch zugelassen. Das Fernsehen ist da und man filmt mich, als ich auf einer der Bänke Platz nehme, ganz vorne. Sie filmen auch noch, als Clemens hereinkommt. Er sieht ernst aus, trägt einen Anzug und setzt sich neben seine Anwälte. Ich kenne sie. Es sind die renommiertesten der Stadt. Eigentlich müsste er den Saal als freier Mann verlassen mit einer solchen Truppe an seiner Seite. Clemens sieht sich nicht um. Er starrt auf das Wasserglas auf seinem Tisch. Dann muss die Presse den Saal verlassen, als das Gericht hereinkommt und alle sich erheben. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist mit Neugierigen, die erpicht darauf sind, über diese perverse Angelegenheit bis ins letzte informiert zu werden. Die Pressevertreter haben ihre Blöcke und Stifte gezückt und der Vorsitzende fragt Clemens nach seinen Personalien.
Dann sieht er zum ersten Mal auf und nennt Namen, Geburtsdatum und Anschrift. Seine Stimme. Die wird mich verfolgen, bis ich in der Kiste liege und dieses unwürdige Leben abgeschlossen habe. Mir bricht der Schweiß aus. Sein Beruf? Privatier, ehemals der Inhaber den Vandenberg Automotive Engineering. Dann wird die Anklageschrift verlesen. Sie ist erheblich zusammen geschrumpft. Alles verjährt bis auf Förderung der Prostitution und schwere Körperverletzung und Vergewaltigung. Selbst der Tod meiner Mutter wird nicht erwähnt. Clemens soll dazu Stellung nehmen. Ja, sagt er, das entspricht alles den Tatsachen. Er ist ganz ruhig. Dann ist der Staatsanwalt dran. Verbissen hält er eine Art Vortrag. Er beginnt mit dem Tag, als Yvette in das Vandenberg-Haus kam. Der Staatsanwalt redet und redet. Clemens hört aufmerksam zu. Ja. Das entspricht alles der Wahrheit.
Ich denke, jetzt wird Yvette als erste Zeugin aussagen. Pustekuchen. Mir stockt der Atem, als der erste Zeuge aufgerufen wird. Es ist Robert Zorn, ehemals Frank Vandenberg. Jetzt wird Clemens zum ersten Mal nervös und ich sehe ein Zucken über seinem Auge. Robert kommt herein, in einem dunkelgrauen Anzug, dunkelgrauen Hemd und silberner Krawatte. Er ist völlig ruhig und sieht seinen Vater nicht an, als er Platz nimmt.
Er nennt seine Personalien. Robert Zorn, geb. Frank Vandenberg, Geburtsdatum und Anschrift. Er ist in Zorns Haus gemeldet. Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht.

„Herr Zorn, würden Sie uns bitte sagen, wie es kommt, dass Sie sich von der Familie Zorn adoptieren ließen? Sie hatten doch eine Familie.“ sagt der Staatsanwalt. Er ist jetzt schon in seinem Triumph gefangen. Er wird nun anhand von Robert zeigen, wie verkommen Clemens Vandenberg ist, wenn sich sein Sohn entscheidet, sich ein anderes Elternhaus zu suchen.
„Ich ließ mich von Gisbert Zorn und seiner Frau adoptieren, weil ich darum gebeten habe. Bei der Familie Zorn, zu der noch zwei Söhne in meinem Alter gehörten, fand ich ein Zuhause, wie es früher einmal bei uns gewesen war. Bevor unsere Mutter uns verließ.“ sagt er klar und ohne Anklage. Seine Stimme ist mir so vertraut und klingt doch ganz fremd.
„Würden Sie uns bitte schildern, wie das Familienleben war, bevor Frau Vandenberg Ihren Vater verließ?“
„Ja. Meine Mutter verließ uns, als ich zehn war und mein Bruder Gregor zwölf. Wir waren eine glückliche Familie, schien mir. Meine Eltern waren sehr liebevoll zu uns. Mein Vater hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um uns bemüht. Er war damals selten zuhause, weil er den Konzern ausbaute. Aber wenn er da war, spielte er mit uns. Wir hatten eine riesige Carrera-Bahn im Keller und in jeder freien Minute war er für uns da.“ Er atmet tief durch.
„Und dann verließ sie ihre Mutter.“
„Ja. Mein Vater war am Boden zerstört und ein endloser Zug junger Frauen zog durch unser Haus. Seine kleinen Freundinnen nannte er sie. Er trank viel, ging mit Ihnen aus, brachte sie ins Haus und nach einer Woche kam wieder eine andere. Bis dann Yvette kam. Von da an ging alles abwärts.“
Das hat der Staatsanwalt so nicht erwartet. Er fummelt sich am Kragen herum.
„Was bitte geschah dann?“
Ich werfe einen Blick auf Clemens, der gedankenverloren mit einem Kugelschreiber spielt.
„Gregor und ich fanden sie einfach umwerfend.. Sie hatte keinerlei Schwierigkeiten, uns für sie zu begeistern. Sie war so lustig und nett. Sie nahm uns ernst. Und wir dachten, es wäre schön, wenn sie bleiben würde.“
„Ich dachte, es ginge abwärts?“
„Ja, das tat es. Sie ging mit meinem Vater ins Schlafzimmer. Sie stöhnte jede Nacht so laut, dass wir uns die Kissen über den Kopf legen mussten, um schlafen zu können. Und irgendwann ging ihr Gestöhne in Schreien über und wir hörten etwas, das sich wie Schläge anhörte. Danach hatte Yvette einen geradezu verzückten Gesichtsausdruck, obwohl sie sich nicht richtig bewegen konnte vor Schmerz. Und ich sah, wie die Haushälterin die Laken des Schlafzimmers wechselte, sie waren blutig.“
Ein Gemurmel geht durch den Saal. Da, endlich, hören Sie, worauf sie gewartet haben.
„Yvette war eine sehr schöne, junge Frau. Sie kleidete sich recht freizügig. Und sie hatte einen großen Busen. Ich starrte immer dorthin. Aber nicht, weil ich ihn so schön fand. Es waren feine Narben darauf. Ich fragte mich, wie sie dorthin gekommen waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater das getan haben könnte.“
Jetzt sieht Robert zum ersten Mal Clemens an und ihre Blicke begegnen sich.
„Ich fragte sie eines Tages danach, als ich mit ihr alleine war. Sie sagte nein, die wären nicht von Clemens. Sie hätte früher einen anderen Besitzer gehabt. Sie sagte Besitzer. Ich fragte, ob sie jetzt meinem Vater gehören würde. Ja, das würde sie tun und sie wäre sehr stolz darauf. Ob die Narben nicht schmerzen würden und wie sie entstanden wäre, wollte ich wissen. Was sie getan hätte, dass sie so bestraft worden war. Sie lächelte. Nein. Sie würden nicht schmerzen, aber es wäre sehr schön gewesen, als sie sie erhalten hätte. Es wäre ein Geschenk gewesen. Es hätte sehr wehgetan, aber sie hätte es genossen. Dann nahm sie meine Hand und ließ mich mit dem Finger über diese weißen Striche fahren. Es war mir sehr peinlich und ich lief fort.“
Clemens sieht aus, als hörte er das zum ersten Mal. Er flüstert mit seinem Anwalt.
„Was geschah dann, Herr Zorn?“
„Mein Vater heiratete Yvette und sie war unsere Stiefmutter. Gregor fand sie hinreißend. Er hatte gerade die Mädchen entdeckt und Yvette gleich dazu. Er starrte sie immerzu an. Und er beobachtete sie im Bad. Sie wusste das. Sie lachte immer, wenn sie ankündigte, ein Bad zu nehmen. Dann ging ich in den Garten und Gregor sah durch das Schlüsselloch. Bis mein Vater eines Tages früher nach Hause kam und Gregor dabei erwischte. Er bekam die Tracht Prügel seines Lebens, mit dem Stock, mit dem er sonst Yvette schlug.
Sie ging zu ihm ins Zimmer, als er striemenüberzogen auf seinem Bett lag und forderte ihn auf, zu masturbieren. Als er das nicht wollte, tat sie es für ihn.“ Robert räuspert sich. „Die Tür stand offen und ich sah, was sie tat.“
„Sie masturbierte ihren Stiefsohn.“
„Genau so war es. Mein Vater ließ sie von da an links liegen. Sie schlief in ihrem eigenen Schlafzimmer und er richtete noch nicht einmal das Wort an sie. Sie ging jetzt oft in Gregors Zimmer und immer schloss sie die Tür hinter sich. Ich konnte nur vermuten, was sie dort taten. Und eines Tages kam sie in mein Zimmer und verlangte, ich solle mich ausziehen. Ich war so schüchtern und verschreckt, dass ich tat, was sie sagte. Und dann berührte sie mich und sagte, es würde ganz wunderbar werden, wenn ich älter wäre. Sie manipulierte an mir herum und ich stand da wie versteinert. Meine Stiefmutter berührte mich dort. Es war furchtbar.“
Clemens springt auf. „Mein Gott. Das habe ich nicht gewusst.“ brüllt er unbeherrscht. Sein Anwalt bringt ihn dazu, sich wieder zu setzen. Clemens ist ganz aufgewühlt.
„Das stimmt. Er hat es nicht gewusst. Ich habe es nie jemandem gesagt, bis heute.“ sagt Robert und sieht auf.
„Was geschah dann?“ Der Staatsanwalt ist völlig aus dem Konzept. Eigentlich wolle er hören, dass Clemens Yvette quälte. Aber das, was er nun hört, geht im völlig gegen den Strich.
„Mein Vater gab uns in ein Internat, es war ihm wohl zu gefährlich, zwei heranwachsende Jungs mit erwachender Sexualität mit Yvette alleine im Haus zu lassen. Er konnte ja nicht ahnen, dass die Gefahr von Yvette ausging. Sie hatte nichts anderes im Kopf, als sich mit Gregor zu vergnügen. Es schien im Spaß zu machen, was Yvette mit ihm im Zimmer tat. In den Ferien musste ich flüchten und ich war oft bei der Familie Zorn mit ihren beiden Söhnen. Ich sprach mit Gisbert Zorn und schilderte ihm die Familienverhältnisse. Was Yvette tat, ließ ich aus. Ich hätte niemals darüber gesprochen, so habe ich mich geschämt. Dann gab es ein Gespräch zwischen Zorn und meinem Vater. Ich weiß nicht, was sie besprochen haben, aber Vater rief mich danach zu sich und stellte es mir frei, zu den Zorns zu gehen. Von ihm kam sogar der Vorschlag mit der Adoption. Ich hatte immer den Eindruck, ich wäre sein Lieblings-Sohn. Und dass er mich fort geben wollte, weil es mein Wunsch war, war für mich ein Beweis seiner großen Zuneigung zu mir.“ Er sieht dabei Clemens an, der jetzt komplett versteinert ist.
„Sie änderten sogar Ihren Vornamen.“
„Ja. Einer der Zorn-Söhne hieß Frank. Deshalb suchte ich mir den Namen Robert aus. Wir hatten einmal einen Butler dieses Namens. Ich mochte ihn sehr und es erschien mir passend.“
„Hatten Sie danach noch Kontakt zu Clemens Vandenberg?“
„Nicht persönlich. Aber er schrieb mir jede Woche einen langen Brief. Fast dreißig Jahre lang.“ sagt er und er hört sich an, als sei seine Nase verstopft.
„Würden Sie uns sagen, was drin stand?“
„Nein. Das ist persönlich und hat mit dieser Verhandlung absolut nichts zu tun.“
„Aha. Würden Sie sagen, anhand dieser Briefe, dass ihr Vater ihnen noch zugetan war?“
„Absolut, ja.“
„Hatten Sie danach Kontakt zu Yvette Vandenberg?“
„Nein. Nie.“
„Und zu ihrem Bruder Gregor?“
„Natürlich. Nachdem ich die Geschäftleitung der Zorn-Werke aus persönlichen Gründen abgab, kümmerte er sich um mich und gab mir eine Aufgabe.“
„Ah. Danke, Herr Zorn.“ Der Staatsanwalt sieht den Richter an.
„Hat jemand noch Fragen?“ Er sieht die Anwälte an.
„Nein. Vielen Dank, Herr Zorn. Sie sind entlassen.“

Robert steht langsam auf und als er an Clemens vorbei geht, deutet er eine leichte Verbeugung an. Mir bleibt der Mund offen stehen. Das war eine Respektsbezeugung. Niemals hätte ich das erwartet. Clemens auch nicht, denn er schaut Robert verdattert hinterher, als der den Gerichtssaal verlässt. Niemandem ist das entgangen, und der Staatsanwalt starrt den Richter an und ein Murmeln geht wieder durch den Saal. Der Richter bittet um Ruhe. Die nächste Zeugin wird aufgerufen. Yvette Vandenberg. Mir stockt der Atem. Jetzt endlich werde ich die Frau sehen, die alle Leben zerstört hat. Die Wahnsinnige.
Clemens schaut zum ersten Mal zu mir herüber und seine braunen Augen blicken mich zärtlich an. Ich schlage den Blick nieder. Yvette kommt herein, eine attraktive Frau in einem braunen Hosenanzug, hohen Pumps und hochgeschlossener Bluse. Sie hat ihr rotes Haar aufgesteckt und sieht sehr sympathisch aus. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Sie nimmt auf dem Stuhl Platz, wo Robert gesessen hatte.

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