Donnerstag, 20. Juni 2013

Auszug aus Normaus




Ich öffne die Haustür und sehe einen Polizeiwagen vor meiner Tür stehen. Zwei Polizisten, einer männlich, einer weiblich, haben gerade bei mir geklingelt.
Ich laufe über die Straße. Ich weiß, was sie mir mitteilen wollen.
„Frau Schmied? Sind Sie Nora Schmied?“ fragt die Polizistin.
„Ja.“
„Frau Schmied, dürften wir einen Moment hereinkommen?“
„Sicher.“ ich öffne die Haustür und lasse sie eintreten. Die jungen Beamten sehen sehr ernst aus. Und sehr überfordert. Wahrscheinlich ist es da erste Mal, dass sie so etwas tun.
„Frau Schmied.“ Die junge Polizistin hat sich mit mir im Wohnzimmer hingesetzt. Sie sieht so aus, als würde sie mich am liebsten umarmen.
„Wir haben eine schlechte Nachricht für Sie.“ Sie strafft die Schultern.
„Ihr Mann ist heute Morgen tot aufgefunden worden. Im Novotel an der Kanalstraße. Er hat sich allem Anschein nach erschossen.“
„Ein kalter Abgang.“ murmele ich.
„Bitte?“
„Man nennt es einen kalten Abgang, wenn ein Gast im Hotelzimmer verstirbt. Wussten Sie das?“
„Frau Schmied, könnten Sie ihn identifizieren?“
„Er hat sich doch erschossen. Ist denn da noch etwas, was ich wieder erkennen könnte?“ frage ich sachlich.
„Ich mache das.“ sagt Leo. Er hat sich angezogen, trägt eine Rollkragenpullover und eine Lederjacke mit Fellkragen. „Ich bin sein Freund. Ich kenne ihn seit Jahren. Oder ich kannte ihn.“ sagt er ebenso sachlich wie ich. „Ich bin Dr. Leonhard.“ Er hält der Polizistin die Hand hin, die sie zögernd ergreift. Leo ist hier, weil er wohl den Polizeiwagen gesehen hat. Er hat schon wieder meinen Schlüssel benutzt.
„Könnten Sie mitkommen?“
„Sicher.“
„Ich werde es tun. Er ist mein Mann, Leo.“
„Sie begleiten Frau Schmied besser.“ sagt die Polizistin etwas erleichtert.
„Wo ist er?“
„Gerichtsmedizin.“
„Ich weiß, wo das ist. Ich fahre mit Frau Schmied sofort dahin.“
Ich bin völlig gefühllos. Als befände ich mich in einem Vakuum. Ich steige in Leos Wagen, in den Sachen, die ich eben angezogen habe. Ohne BH, den habe ich im Schlafzimmer nicht gefunden. Leo sagt gar nichts, sondern presst nur die Lippen aufeinander.
„Ist es nicht ungewöhnlich, dass es Ende März derart schneit?“ sage ich verwundert, als wir durch die Stadt fahren.
Es ist nicht so schlimm, wie ich erwartet habe. Sie haben ihn komplett in grüne Tücher gehüllt, nur sein Gesicht guckt heraus. Es sieht friedlich aus. Er hat die Waffe an die rechte Schläfe angesetzt, deshalb ist alles andere unversehrt. Die Ausschlussöffnung sieht man nicht.
„Ja.“ sage ich. Dann ergreife ich Leos Hand und er bringt mich wieder zum Wagen. Ich habe nicht viel mitbekommen, wie in Trance.
„Er ist Linkshänder.“ sagt Leo, als wir den Gürtel Richtung Nachhause fahren.
„Ja.“
„Er ist Linkshänder. Verstehst du, was ich damit sagen will?“
„Ja. Verdammt. Es war kein Selbstmord.“
„Oder es ist nicht Werner. Stefan ist Rechtshänder.“
„Oder es ist ein böser Traum.“
„Mein ganzes Leben ist ein böser Traum.“ sagt Leo.
Ich sitze in meinem Wohnzimmer. Der Garten sieht genauso aus wie im Januar, als ich Florian mit den Amerikanern gesehen habe. Tief verschneit. Wie ein Deja-Vu.
  „Nora? Alles in Ordnung?“ Leo hat seine Jacke ausgezogen und steht an der Tür zum Flur.
„Ja. Alles gut.“ Ich lächele ihn an.
„Alles gut?“
„Ja. Alles in Ordnung. Komm her, Leo.“
Er setzt sich neben mich und legt den Arm um meine Schultern. Er riecht sehr gut.
Ich habe immer Wert darauf gelegt, dass Männer gut riechen.
„Leo? Mach, dass dieser Alptraum aufhört, ja? Ich will ein normales Leben. Ist das denn so schwierig? Andere haben das auch.“
„Was ist denn ein normales Leben?“
„Mein Mann liebt mich, ich liebe ihn, ich gehe nur den halben Tag ins Büro, damit ich mich um unser Kind kümmern kann, wenn es aus der Schule kommt. Wenn es nicht schlafen kann, darf es zwischen uns liegen, und sonntags gehen wir manchmal in den Zoo. Und wenn wir in Urlaub fahren, fahren wir mit dem Auto nach Holland in unser Ferienhaus. Ich werde ihm bei den Hausaufgaben helfen und sie hat ein Barbie-Puppenhaus, mit dem wir spielen. Und ihr Vater wird ihr das Radfahren beibringen. Wenn sie Geburtstag hat, lädt sie ihre Freundinnen ein und ist stolz auf ihren Papa, und ich bin stolz auf meinen Mann, der mir diese Familie gegeben hat. Das ist ein normales Leben.“
„Hört sich gut an. Habe ich aber leider nicht zu bieten. Tut mir leid. Ich habe ein Kind mit einer Verrückten und es ist noch nicht einmal meins. Ich schiebe es bei jeder Gelegenheit ab, die mir auch nur entfernt gefährlich vorkommt. Ich schlafe mit der Frau meines besten Freundes, weil ich sie liebe. Er hat sich gerade erschossen, oder auch nicht. Ich bin nicht sicher. Sie ist schwer traumatisiert und ich kann ihr nicht helfen, diese Last von ihr zu nehmen.“ Er streicht mir die Haare aus dem Gesicht. „Dazu kommt, dass ich eine sexuelle Vorliebe habe, die sie nur ungern erfüllt. Nicht zu vergessen, dass ich einen Haufen Menschen auf dem Gewissen haben. Ich bin also der letzte Mann, den du bitten solltest, dir ein normales Leben zu bieten, Nora. Ich kann mich nicht so verstellen, wie Werner das kann. Ich kann nicht zwei vollkommen unabhängige Leben führen, wie er das macht. Unten ist er der skrupelloseste Mann, den ich kenne und hier der zärtliche, joviale Mann, der seine Frau glücklich macht. Ich kann das nicht. Ich habe nur eine Persönlichkeit.“
„Wie schön. Schlaf mit mir, Leo. Jetzt gleich.“
„Nein.“ Er rückt von mir ab.
„Du willst mich nicht mehr. Siehst du, ich habe es dir gesagt.“
Ich stehe auf und gehe nach oben ins Bad. Ich muss unter die Dusche, denke ich. Ich habe eben einen Toten gesehen. Ob es mein Mann war, ist unerheblich. Ich fühle mich beschmutzt vom Anblick des Todes. Ich ziehe mich aus und lasse das warme Wasser über mich laufen. Und dann drehe ich es auf kalt, damit ich mich wieder fühlen kann. Ich schnappe nach Luft. Ich wickle  mich in mein Badetuch und gehe wieder ins Schlafzimmer. Ich trockne mich ab und berühre mich zwischen den Beinen. Ich würde so gerne Leo dort fühlen. Aber der will ja nicht. So, wie ich es vorher gesagt habe. Wenn sie es wissen, bin ich uninteressant. Ich lege mich ins Bett und streichle mich selbst bis zum Höhepunkt. Aber es erleichtert mich nicht. Es ist nicht schön, wenn ich es selbst tue. Ich habe die Augen geschlossen, die Decke über mir und will einfach nur noch weg. Aus meinem Körper, aus meinem Leben.
„Geht es dir jetzt besser?“ fragt Leo. Er hat mich die ganze Zeit dabei beobachtet.
„Nein.“ Ich sehe ihn trotzig an. Wie kann er es wagen, mich dabei zu beobachten.
„Willst du es haben?“ Er zieht sich den Pullover über den Kopf und streift seine Jeans ab. „Du willst es haben? Du kriegst es.“
„Leo, das geht nicht. Wie sieht das aus? Da muss doch furchtbar wehtun.“
„Ja. Tut es. Du warst das, weil ich es wollte.“
Sein Geschlecht sieht schlimm aus. Komplett rot, der ganze Bereich, und am schlimmsten sieht die Eichel aus. Es kann doch nicht wirklich sein, dass er jetzt mit mir schlafen will. Er schlüpft zu mir unter die Decke und schiebt mir rücksichtslos die Zunge in den Mund. Ich wehre ihn ab. Ich will ihm nicht weiter Schmerzen bereiten. Das sieht er anscheinend anders. „Mach die Beine auseinander.“ befiehlt er und als ich nicht reagiere, biegt er selbst meine Oberschenkel auseinander und dringt in mich ein. Er stöhnt vor Schmerz und seine Beine zittern. Sein ganzer Körper ist schweißbedeckt. Es muss furchtbar für ihn sein. Er macht es ganz langsam, damit es lange dauert. Er will sich selbst bestrafen, denke ich.
„Hör auf, Leo.“ Ich will ihn wegschieben, aber er drückt meine Handgelenke auf die Matratze und hält mich mit seinem Oberkörper fest. Er liegt schwer auf mir. Ich kann nicht weg.
„Leo, ich will das nicht.“ schreie ich.
Sofort zieht er sich zurück. „Eben wolltest du das doch?“
„Ja. Aber sieh dich an, wie du leidest. Ich will das nicht, dass du so leidest.“
„Es ist das größte für mich.“
„Ja. Du bist krank, Leo. Wie kann man das wollen?“
„Weil ich schlecht bin.“ Er setzt sich auf das Bett. „Ich bin schlecht.“
„Du hast gesagt, sich auszuliefern hat mit Vertrauen zu tun. Ich finde, hier ist die Grenze erreicht. Das hat mit Verantwortung zu tun, Leo. Bitte. Überschreite die Grenze nicht.“
„Du fühlst dich für mich verantwortlich?“
„Ja. Das tue ich. Ich habe das getan. Und jetzt reicht es.“
Er sitzt breitbeinig auf dem Bett. Er hat immer noch eine Erektion und es sieht furchtbar aus. Wenn ich es ansehe, durchzuckt mich ein Schmerz, der sich von meinen Lenden bis zu den Fußspitzen zieht.
„Nimm ihn in den Mund. Bitte.“ sagt er.
„Das kann ich nicht. Verlang das nicht von mir. Ich werde ihn dir eincremen. Ich habe etwas gegen Sonnenbrand da. Hoffentlich hilft das.“
„Du wirst ihn in den Mund nehmen.“ sagt er und er Kasernenhofton ist plötzlich wieder da.
„Niemals. Was redest du denn da?“
Er zieht mich an den Haaren in seinen Schoß. „Ich bin schuld daran, dass er tot ist. Und du wirst mich dafür bestrafen.“
„Du bist völlig irre.“ Es tut weh, wie er meine Haare um die Hand gedreht hat. Ich kann seinen Schwanz mit dem Mund berühren, aber ich habe ihn fest verschlossen.
Er greift jetzt mit der anderen Hand in mein Haar. „Mach jetzt.“ befiehlt er.
Ich öffne zögernd meinen Mund. „Lass mein Haar los.“
Er lockert seinen Griff.
„Du bist nicht devot. Du bist krank.“ Ich nehme ihn in den Mund. Er fühlt sich ganz wund an. Schrecklich. Es ist schrecklich für mich.
„Mach fester. Bitte, Nora.“
„Ich kann das nicht. Ich kann nicht, Leo.“ Ich setzte mich auf.
„Gut. Dann sieh mir zu.“ er fängt an, sich zu streicheln. Sein Gesicht ist schmerverzerrt. Ich fange an zu weinen, aber ich sehe ihm in die Augen. Und auf einmal sehe ich Tränen. Ihm laufen die Tränen über das Gesicht, aber er hört nicht auf. Ich lege meine Hand auf seine Wange, aber er hört nicht auf.
„Hilf mir, Nora. Bitte.“ sagt er.
Er legt meine Hand um seinen Schwanz und seine Hand über meine. Er bewegt meine Hand. Ich habe sie einfach nur dort liegen. Aber es tut sich nichts. Im Gegenteil. Er wird kleiner und schlaffer.
„Er versteht mich.“ sage ich und ziehe meine Hand weg. Ich krieche aus dem Bett und gehe ins Bad, um die Tube mit der Creme zu holen. Ungeheuerlich, was Leo da macht. Er sitzt noch so da, als ich zurück komme. „Nimm die Hand weg.“ sage ich.
Ich creme ihn vorsichtig ein. Wie kann man das nur aushalten. Leo zuckt noch nicht einmal.
„Du hast das getan, um mich von dir fern zu halten.“ sagte ich und schraube die Tube wieder zu. Er nimmt sich ein Taschentuch vom Nachttisch und schnäuzt sich.
„Nein.“
„Du wirst es erst wieder bekommen, wenn er wieder in Ordnung ist. Bis dahin wirst du dich nicht berühren, hast du mich verstanden?“
„Ja, Nora.“ Er lächelt leicht.
„Du bist wirklich nicht Herr deiner Sinne, weißt du das? Es wird Zeit, dass jemand auf dich aufpasst. Wie pinkelst du denn? Das muss doch höllisch wehtun?“
„Das geht schon.“ Er sieht mich aufmerksam an. „Du willst auf mich aufpassen?“
„Du selbst kannst es ja scheinbar nicht. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, dächte ich, ich hätte einen Idioten vor mir. Wie kann man so etwas tun? Hat dir nicht gereicht, dass ich dich so verletzt habe?“
„Du willst wirklich auf mich aufpassen?“ Etwas anderes hat er wohl gar nicht mitbekommen. Das ist das einzige, was ihn interessiert. Nora übernimmt Verantwortung für ihn.
„Hat das noch niemand getan? Was hat denn Clara getan?“
„Nicht das, was du gerade getan hast.“
„Gut. Zieh dich jetzt an. Ich mache uns was zu Essen.“
„Du willst jetzt essen?“
„Zu hungern macht ihn auch nicht wieder lebendig.“
„Du würdest eine gute Soldatin abgeben.“
„Ja. Ich schieße auf den Feind und flicke ihn dann wieder zusammen.“
Leo zieht sich an, ich ziehe mich an. Ich sprühe mir ein bisschen Deo unter die Arme und kämme mich im Bad.
„Ich werde dich da komplett heraushalten, wenn du willst. Ich habe eine Wohnung in Hamburg.“
„Wie schön. Ich bleibe hier. Das hier ist meine Wohnung. Wann soll ich denn zurückkommen? Wenn alle tot sind?“
„Wir müssen Florian sagen, was passiert ist.“
„Ja. Das sollten wir. Und wenn er es gewesen ist? Hast du dir das schon einmal überlegt?“
„Hast du dir überlegt, warum Werner im Hotel wohnen sollte? Warum ist er nicht zu Florian gefahren? Wer würde im Hotel wohnen? Doch nur jemand, der hier keine Wohnung hat.“
„Es ist Stefan, willst du sagen.“
„Da verwette ich meinen Schwanz drauf. Auch, wenn ich mit ihm im Moment keinen Blumentopf gewinnen kann.“
„Ich könnte dir nicht weiterhelfen, wenn du mir erzählen würdest, was passiert ist?“
„Nein.“
„Wer ist der Unbekannte? Es muss noch jemand dabei gewesen sein. Ihr seid alle zurückgekommen. Also gibt es noch einen. Glatt war nämlich Weihnachten in Deutschland.“
„Du bist ganz schön schlau.“ er lächelt stolz.
„Kenne ich ihn?“
„Nein.“
Wir gehen nach unten in die Küche und Leo vergräbt sein Gesicht in meinem Haar. „Ich wollte dir nicht wehtun. Entschuldige.“
„Ist schon gut, Leo. Aber das kommt nicht mehr vor.“
„Deine Haare sind tabu.“
„Das meine ich nicht.“
„Komm, wir fahren zu Florian und gehen dann essen. ich war noch nie mit dir irgendwo.“
„Ja. Lass uns Werners Tod feiern. Wenn uns jemand sieht?“
„Mir ist es schon immer egal gewesen, was die Leute von mir halten.“
„Dir ist nur wichtig, dass ich mich für dich verantwortlich fühle.“
„Ja. Das ist ein schönes Gefühl.“ Er berührt sanft meine Brüste.
„Das ist auch ein schönes Gefühl.“
„Es wird ein paar Tage dauern, bis ich mit dir schlafen kann. Aber bis dahin habe ich den Schmerz und ich weiß, dass du das für mich getan hast. Das ist schön, Nora.“
„Ich hätte nicht erwartet, dass es so schlimm wird. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht. Aber bei dir ist es so schlimm. Wie kommt das?“
„Durch das Entwachsen.“
„Das muss ja höllisch sein. Warum tust du das?“
„Es fühlt sich nachher gut an. Willst du es bei mir machen?“
„Du spinnst wohl. Dann ist die Haut mit weg. Ich habe mir einmal die Beine gewachst. Nie wieder, sage ich dir. Sarah musste kommen und mir den Rest wegmachen. Ich konnte mich nicht überwinden, an dem Tuch zu ziehen.“
Er lacht. „Du bist so süß, Nora. Welche Frau erzählt schon, wie sie sich die Beine enthaart?“
„Ich kann es dir mal zeigen. Mit einem Epilierer. Ich wette, da hättest du Freude dran. Am Knöchel ist es besonders schön.“
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