Mittwoch, 29. Mai 2013

Jus de fraise



Lukas hatte alles tagelang geplant. In seiner Wohnung fand sich kein Stäubchen, alles war auf Hochglanz poliert und es roch nach Möbelpolitur und einem blumigen Raumduft, die Vorhänge im Schlafzimmer waren ganz neu. Er hatte sie extra gekauft, weil ihm dunkelrosa Samt nicht mehr zeitgemäß erschien. Sein französisches Kirschholzbett war mit feinster Leinenbettwäsche bezogen, die noch aus der Aussteuer seiner Mutter stammte und die heute Premiere hatte. Er hatte sie heute Morgen aus der Wäscherei geholt und es sah großartig aus, als er die Kissen sorgfältig glatt gestrichen hatte.



Im Kühlschrank stand edler Champagner, den er in Kristallgläsern servieren würde, dazu würde er Pralinen aus der ersten Konditorei der Stadt servieren, er konnte sich schon vorstellen, wie er sie ihr zwischen die kirschroten Lippen schieben würde, wie sie sie genießen würde und sich dann mit ihrer kleinen Zunge darüber fahren würde.



Er konnte es kaum erwarten, dass sie endlich kam. Er war um neun Uhr aufgestanden, hatte geduscht, sich vorsichtshalber den Schambereich gründlich enthaart, denn er ging davon aus, heute würden sie sich lieben. Hatten sie das bisher nur virtuell getan, würde es heute Realität werden. Nie hatte er in seinem fünfzigjährigen Leben daran gedacht, sich die Schamhaare abzurasieren, er war erstaunt, dass es Leute gab, die das taten. Charlotte hatte ihn gefragt, ob sein Intimbereich rasiert wäre und er hatte geantwortet, ja, natürlich.  Er hatte schon seit Tagen eine Erektion, wenn er an sie dachte. Das erste, was er morgens tat, wenn er erwachte, war, dass er in sein Arbeitszimmer lief und nachsah, ob sie ihm geschrieben hatte. Sie schrieb jeden Tag, aber immer befürchtete er, heute könnte sie es nicht getan haben. Doch, sogar heute hatte sie geschrieben, wie sehr sie sich auf ihn freute.



Im Bad föhnte er sich sorgfältig sein volles, leicht ergrautes Haar, Helene hatte es geliebt, darin zu wühlen. Aber jetzt war Helene seit fünf Jahren tot und seitdem hatte er keine Frau mehr gehabt. Aber ab heute würde sich das ändern. Heute würde Charlotte kommen, die Frau, die es in seinem Bauch zum Kribbeln kommen lassen konnte mit einer simplen eMail. Er hätte nie gedacht, dieses Gefühl noch einmal zu erleben. Und als er ihre Stimme zum ersten Mal hörte, vor ungefähr zwei Wochen, hatte er sich verliebt. Er war ganz sicher, dass es so war.



Der Tag im Büro gestaltete sich völlig anders, seitdem er Kontakt mit ihr hatte. Er hatte auf ihre Annonce geantwortet. Der Text hatte ihn völlig elektrisiert. Ein Rubensengel suchte einen Geliebten. Ein Satz hatte es ihm besonders angetan. Vielleicht verlieben wir uns, wer kann das wissen? Er hatte vor sich zu verlieben, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass es wirklich geschehen würde. Charlotte war einfach wundervoll, sie war lebendig, rund, witzig und unglaublich erotisch. Als sie ihn anrief, bekam er kaum ein Wort heraus, das war auch nicht nötig, sie wickelte ihn völlig ein mit ihrem mädchenhaften Charme, obwohl sie schon Mitte Vierzig war.



Er träumte nun ständig von ihren vollen Brüsten, von denen er ein Foto besaß. Wie gerne würde er sein Gesicht an ihnen reiben, die appetitlichen kleinen Knospen in den Mund nehmen und zart daran saugen. Und danach, nach einem erregenden, erschöpfenden Liebesspiel, daran einschlafen, Charlotte würde nämlich über Nacht bleiben. Er konnte sein Glück überhaupt nicht fassen, dass sie sich für ihn entschieden hatte. Er, ein Beamter im öffentlichen Dienst, der genauso langweilig aussah wie sein Job war. Was fand sie bloß an ihm? Sein Aussehen konnte es nicht sein, vielleicht seine romantischen Träumereien, die er ihr schrieb. Er dachte häufig darüber nach, würde sie aber nicht fragen, hatte er sich vorgenommen.



Als Charlotte um 19 Uhr kam, öffnet er ihr in seinem besten Anzug und einem blütenweißen, neuen Hemd die Tür. Er war so nervös, dass er froh war, als dieses wundervolle Wesen die Treppe heraufgeschwebt kam und ihm sofort in die Arme fiel. Sie umarmte ihn fest, als hätte sie ihn jahrelang nicht gesehen und sie war ihm sofort vertraut.



„Ich habe mich so nach Dir gesehnt, Lukas.“ flüsterte sie an seinem Hals. Sie war ein wenig kleiner als er und fühlte sich unglaublich warm und gut an. Und sie roch wie eine verführerische Frucht, die gerade noch von der Sonne beschienen, jetzt in seinem Griff gelandet war. Die Nervosität fiel augenblicklich von ihm ab, als ihm aufging, hier steht eine Seelenverwandte vor mir. Diese Frau versteht mich! Am liebsten wäre er sofort vor ihr in die Knie gegangen vor Dankbarkeit. Aber Charlotte löste sich aus seiner Umarmung, schenkte ihm ein herzliches Lächeln, er ließ sie eintreten und sie stellte ihre Handtasche und eine kleine Papiertüte im Flur ab. Er bat sie ins Wohnzimmer und sie lobte die luftige, helle Wohnung, bevor sie anmutig in einem Sessel Platz nahm.



Sie tranken den Champagner, er rückte seinen Sessel näher an ihren und sie plauderten gelöst und lachend über dies und jenes. Dann berührte sie seine Wange mit dem Finger und ihn durchzuckte ein Stromschlag. Er musste diese Frau verführen, besitzen und lieben, nur noch diesen Gedanken hatte er im Kopf. Er ergriff ihre Hand, an der sie einen breiten Goldreif trug, sie war verheiratet, aber das störte ihn keineswegs. Dann drückte er einen langen Kuss auf ihren Handrücken und er bemerkte, dass sie anfing zu zittern. Ihre blauen Augen waren wie tiefe Seen, ihr blondes Haar erschien ihm als das schönste, das er je gesehen hatte und mit der anderen Hand griff er jetzt danach und schob ihr eine Strähne hinter ihr Ohr. Sie trug schönen Schmuck, Ohrstecker aus Gold, eine dazu passende Kette, ein Armband. Die Schlichtheit ihres Leinenkostüms wurde dadurch noch unterstrichen. Ihre Jacke ließ den Blick auf ihre weiße Bluse frei, unter der sich ihre verführerischen, schweren Brüste befanden.



Dann beugte sie sich zu ihm, berührte ihn wieder an der Wange, küsste ihn sanft auf den Mundwinkel. Lukas konnte nicht widerstehen und er strich mit der Hand leicht über ihren prallen Schenkel, er konnte fühlen, dass sie halterlose Strümpfe trug. Gleich würde er sich im Himmel befinden, wenn er sie langsam ausgezogen hatte und ihren nackten Körper bewundern würde. Seine Hand wanderte unter ihren Rock, bis zum Rand des Strumpfes, darüber war die Haut nackt und weich, so wie alles weich war an dieser Frau, ihr Körper, ihr Lächeln, ihre Stimme. Er streichelte sie an dieser Stelle und fühlte die Hitze ihres Schoßes, der gleich ihm gehören würde.



Sie hatte ihre Handtasche und die geheimnisvolle Papiertüte mit ins Schlafzimmer genommen. Als er sie ausgekleidet hatte, langsam und genüsslich, saß sie in weißer Spitzenwäsche auf dem blütenweißen Bett, nach hinten gebeugt, mit einer Hand abgestützt auf dem Bett und sie ließ sich von ihm mit Pralinen füttern und tat genau das, was er erwartet hatte. Sie ließ ihre kleine Zungenspitze sehen, wie sie über ihre feuchten Lippen fuhr und seine Erektion war kaum noch im Zaum zu halten. Er hätte sich jetzt gerne auf sie gestürzt, eilig und wild, hätte sie unter sich vergraben und ihr gezeigt, wie sehr er sie begehrte. Aber er beherrschte sich und schob eine weitere Praline in ihrem Mund, dann griff Charlotte in die Schachtel und schob ihm eine Praline in den Mund und strich danach zärtlich über seinen Mund.



„Du bist ein wunderbarer Mann, Lukas.“ sagte sie in einem verführerischen Tonfall und als er sie ansah, bemerkte er einen traurigen Zug um ihre Augen, der ihm vorher gar nicht aufgefallen war. Vielleicht war er auch nicht da gewesen, er war sich nicht sicher. Seine Charlotte war traurig! Und er ahnte nicht davon! Sie war immer so lustig und am Telefon hatte sie ständig gelacht. Und jetzt schaute sie ihn traurig an.



„Ich liebe Dich.“ platzte er heraus. Er hätte sich ohrfeigen können. Diese Frau suchte einen Geliebten und das hatte mit Lieben wenig zu tun. Charlotte lächelte. „Ich weiß.“ flüsterte sie und verbarg ihr Gesicht an seinem Hemd und ließ sich das weiche Haar streicheln. Dann suchte sie seinen Blick. „Ich möchte, dass Du mich liebst.“ sagte sie klar und ernst. Erst wollte er sie fragen, wie sie das denn meine, aber er unterließ es. Er würde sie jetzt körperlich lieben, ihren Köper mit seinem, er würde sich ihr schenken und wenn sie ihn dann noch haben wollte, würde er sie immer noch fragen können. Oder es würde nicht mehr notwendig sein, so oder so.



Er zog sich aus, den Blick auf ihr Gesicht geheftet, das so schön war, ihr Mund so schön geschwungen und die Traurigkeit war zum Glück aus ihren Augen verschwunden. Dann kletterte er zu ihr auf das Bett, küsste ihre Brüste, ihre so schönen Brüste mit den unglaublich festen, hellen Warzen. Wie lange hatte er sich das gewünscht. Ihr Bauch so weich, die Schenkel so prall und fest und was dazwischen lag, feucht und verführerisch. Er probierte sie, sie schmeckte so, wie sie roch. Eine frische Frucht, nur für ihn. Er ließ sie seine Sehnsucht spüren in aller Zärtlichkeit, zu der er fähig war. Sie genoss es, seinen Körper zu berühren und er fragte sich nicht, warum. Er hatte nie einen großartigen Bezug zu seinem Körper gehabt, er hatte eben einen und gut. Nie war es im in den Sinn gekommen, dieser Körper könnte einem anderen Menschen Vergnügen bereiten. Die schöne Charlotte streichelte ihn und es kam ihm völlig natürlich vor.



„Ich habe Erdbeeren mitgebracht.“ sagte sie auf einmal und sprang aus dem Bett, griff in die Papiertüte und holte eine Pappschachtel mit tiefroten, saftigen Erdbeeren heraus. Sie steckte ihm übermütig eine in den Mund und als er sie mit den Lippen hielt, biss sie von der Beere ab und ihre Lippen berührten sich in einem Kuss.



„Steck eine in mich hinein, dann hole sie mit der Zunge wieder heraus. Dann schmeckst Du nach mir und Erdbeere, wenn Du mich küsst.“ flüsterte sie. Er tat, was sie wünschte und das schien im das Erregendste, was er je in seinem Leben getan hatte. Er war unglaublich glücklich, dass diese Frau den Weg zu ihm gefunden hatte. Sie war wie eine Erdbeere, prall und lecker, fand er.



Und erst die Nacht! Sie hatten sich zweimal geliebt und als sie sich vertrauensvoll an ihn kuschelte, um seine Geborgenheit zu erfahren, schien ihm die Frage von vorhin wirklich überflüssig. Er konnte lange nicht einschlafen, er konnte nicht fassen, dass sie wirklich hier war, dass er sie fühlen und riechen konnte. Und als er dann endlich eingeschlafen war, bemerkte er, dass sie schnell atmete, dass sie schwitzte unter der leichten Decke und er entließ sie aus der Umarmung, die er als Grund dafür ansah. Aber sie zog wieder seinen Arm um sich und er stand kurz davor, vor Rührung zu weinen. Er hatte ein neues Glück gefunden!



Als man sie abtransportierte, kam sie ihm leblos vor, man hatte ihr einen Zugang gelegt, man beatmete sie und der Notarzt warf einen bösen Blick auf die Bettwäsche, die mit Erdbeersaft benetzt war. Lukas saß nackt auf dem Bett, in sich zusammen gesunken und hielt ihren Allergiepass in der Hand, den er in ihrer Tasche gefunden hatte, weil der Sanitäter nach ihrer Versicherungskarte gefragt hatte. Fassungslos beobachtete er, wie man sie hinaus trug, der Arzt schnaubte verächtlich in seine Richtung, bevor er das Zimmer verließ. Sie wollte sterben, hämmerte es in seinem Schädel. Sterben, in seinen Armen. Deshalb hatte sie ihn ausgesucht, weil er sie liebte und sie das wusste. Sie wollte in den Armen eines Geliebten sterben und erst jetzt wurde ihm bewusst, was sie damit gemeint hatte. Sie suchte einen Geliebten. Ob er das war, würde sich zeigen. Er überlegte lange, ob er sie im Krankenhaus besuchen würde. Bis dahin schob er sich eine Erdbeere nach der anderen in den Mund und es war ihm, als würde er Charlottes Erdbeermund küssen.


Hier entstehen meine zauberhaften Geschichten


Ich wollte Euch einmal einen Einblick in mein Leben geben. In dieser inspirierenden Umgebung entstehen die Geschichten um meinen reizenden Damen und ihre begehrenswerten Männer. Ich habe übrigens vorher aufgeräumt, so sieht es nicht immer aus. Also, meistens sieht es NICHT so aus, wenn ich ehrlich bin.

Das ist übrigens die dritte Tastatur, die auch bald draufgehen wird. Es war keine gute Idee, eine schwarze zu kaufen, habe ich festgestellt. Mit der Zeit ist die Beschriftung der Tasten verschwunden. Und dass man eine Tastatur in die Spülmaschine stecken kann, danach ist sie sauber und funktioniert noch, ist eine Lüge!



Dienstag, 28. Mai 2013

Ich muss Puderquaste das Licht ausknipsen



„Nein. Ich muss erst nach Hause.“ sage ich. Mir fällt ein, dass Mikes Pistole im Schlafzimmer liegt. Die brauche ich, um der Puderquaste das Lebenslicht auszuknipsen. Hell hat es sowieso nicht geleuchtet. Und dann werde ich den Rest der Bande auch erledigen. Hubertus fährt mich schweigsam zu Mikes Haus. Ich fummele den Schlüssel aus meiner Tasche. Hubertus soll in die Praxis fahren und den Rezeptblock holen. Und wenn er zurückkommt, bin ich schon weg. Ich brauche keinen Bewacher. Ich brauche auch kein Schmerzmittel, davon habe ich genügend. Ich höre aus dem Wohnzimmer Frauenstimmen, Frau Esser unterhält sich lautstark mit einer älteren Frau. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, ich gehe die Treppe hinauf, mühsam nach Luft ringend, weil sie mich so bandagiert haben. Ich habe abgenommen, stelle ich fest, oben an der Treppe muss ich mir die Hose hochziehen. Ich ziehe mir vor dem Spiegel den Pullover aus. So kann ich unmöglich herumlaufen, so fest bandagiert. Ich hole mir aus dem Bad die Schere, mit der ich mir den Pony nachschneide und schneide mir den Verband auf. Was für eine Wohltat. Ich traue mich gar nicht, die Wundauflage auf meiner Brust abzunehmen.
Die Kuh hat mir genau durch die linke Brust geschossen, stelle ich fest. Dort, wo einmal die Brustwarze war, befindet sich eine dicke, rote Narbe. Ich falle fast in Ohnmacht und taumele. Und unter der Brust befindet sich eine lange Narbe, da haben sie wohl die Kugel rausgepult. Ich würde furchtbar gerne schreien vor Wut. Ich werde für den Rest meines Lebens einen BH tragen müssen, damit sich Mike nicht angewidert abwendet. Ich bin gezeichnet, einen Teil meiner Weiblichkeit beraubt, weil diese Frau sich im Liebeswahn befindet.
Ich wühle in meiner Arzttasche und klebe mir eine neue Wundauflage mit Heftpflaster fest, die Narbe unter der Brust nässt noch. Kurzerhand klebe ich mir auch ein großes Pflaster auf die Brust. Wenn die Betäubung nachlässt, wird es schmerzen, wenn ich einen Büstenhalter trage. Dafür bringe ich sie um. Ich hole die Pistole aus der Kommode und die Schachtel mit Munition. Ich kippe meine Handtasche aus und nehme nur das mit, was ich wirklich brauche. Nein. Ich werde die Jacke anziehen, die so viele modische Taschen hat. Alles, was ich benötige, stopfe ich dort hinein. Ich muss weg sein, bevor Hubertus wiederkommt. Ich finde Mikes Handy auf der Kommode, wahrscheinlich hat es Frau Esser dort hingelegt.
Wie eigenartig. Mike ist verschwunden und ich habe keine Polizei gesehen. Ob es sie nicht interessiert? Aber mich interessiert, wo er abgeblieben ist. Er hat nur noch mich. Niemanden interessiert es, hämmert es in meinem Kopf. Ich stecke mir noch ein paar Fertigspritzen mit Schmerzmittel in die Brusttasche und schleiche mich dann, nachdem ich mir Turnschuhe angezogen habe, wieder hinunter.

„Frau Feldmann?“ schreit Frau Esser erschrocken. Sie kommt mit einer älteren Frau aus dem Wohnzimmer. Das ist unverkennbar Mikes Mutter. Sie misst mich mit einem Blick, der mich eigentlich töten müsste.
„Na, Mama? Hoffst du, dass Mike tot ist? Freu dich mal nicht zu früh. Ich werde ihn finden und dann schicke ich dich auf die Reise zum schönen Oliver.“ sage ich bedrohlich.
Sie lacht mich aus. „Du weißt ja nicht, welch verkommenes Subjekt du vögelst, du fette Schlampe.“ sagt sie amüsiert.
„Es stört mich nicht, dass seine Mutter aus der Gosse kommt.“ sage ich lächelnd.
„Wie bitte?“ sie starrt mich an.
„Er hat Sie doch auf dem Strich aufgegabelt, war es nicht so?“ vermute ich. Sie war eindeutig eine Nutte. Bestimmt. Eine Edelnutte zwar, aber eine Nutte.  Da hilft auch nicht die elegante Kleidung und der Haufen Schmuck, mit dem sie sich behängt hat. Sie hat etwas Primitives und Durchtriebenes an sich. Ich wette, sie war der Knaller im Bett, als Janek sie kennen lernte. Und er hat bestimmt schon einen Tag nach der Hochzeit bereut, sie überhaupt getroffen zu haben.

Montag, 27. Mai 2013

Der Geist



Der Geist          Kurzgeschichte von Susanne Kolbach

Seit ein paar Tagen fühlte sie sich beobachtet, wenn sie sich in der Küche befand. Wenn sie am Herd stand, drehte sie sich um, eine Gänsehaut am Körper, aber da war nichts. Sie war vollkommen alleine. Und trotzdem hatte sie den Eindruck, als würde sich ein Blick in ihren Nacken bohren. Sie war dann froh, wenn ihr Mann von der Arbeit kam und erwähnte das Thema nicht, da es ihr zu absurd vorkam.
Sie saß dann mit ihm am Esstisch und beobachtete das Fenster, das auf eine Terrasse hinausging. Sie wohnten noch nicht lange hier, etwa zwei Monate, diese Wohnung im Industriegebiet war einfach ein Traum. Sie ging nach hinten hinaus, die Terrasse befand sich auf einem Werkstattgebäude und dahinter war eine riesige Grünfläche, die einmal ein Park werden würde. Morgens frühstückten sie hier und sie kam sich dann vor wie auf dem Land.
„Was ist denn, Eva?“ fragte ihr Mann, als er ihrem Blick folgte, der am Fensterrahmen hängengeblieben war.
„Nichts. Ich habe nur nachgedacht.“ erwiderte sie fast schuldbewusst. Wenn sie ihm gesagt hätte, worüber sie nachdachte, hätte er sie für verrückt erklärt. Sie hielt das Gefühl, beobachtet zu werden, ja selbst für ein Hirngespinst. Vielleicht war der Stress mit dem Umzug zuviel. Wir sollten mal wieder in Urlaub fahren, dachte sie.

Ein paar Tage später beobachte sie Wilfried dabei, wie er nachdenklich durch die Wohnung ging, immer wieder zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer hin und her. Auf ihre Nachfrage hin sagte er, es wäre nichts und er lächelte. Sie kannte ihn gut genug, um zu erkennen, wann es ein echtes und wann es ein falsches Lächeln war. Er fühlt es auch, dachte Eva. Er sagt nur nichts, aus dem gleichen Grund wie ich.
Als sie am Sonntag aufwachte, bemerkte sie, dass Wilfrieds Blick auf ihr ruhte.
„Was ist denn?“ fragte sie erstaunt. Wilfried war nicht der Mensch, der morgens noch im Bett liegen blieb. Er stand sofort auf und war wie auf Knopfdruck gut gelaunt. Heute war er das nicht.
„Ich muss Dir etwas sagen, Eva. Du wirst mich für völlig bescheuert halten. Aber nachts habe ich immer das Gefühl, es setzt sich jemand auf das Bett. Zuerst dachte ich, es sei die Katze, aber die liegt dann friedlich da.“ sagte er kläglich.
„Die Katze merkt also nichts. Eigenartig.“ sagte Eva nachdenklich.
„Was bemerkt sie nicht?“
„Dass es hier – spukt. Einen anderen Ausdruck habe ich dafür nicht. Komm mal mit.“ forderte sie ihn auf und er folgte ihr in die Küche.
„Stell dich an den Herd, den Rücken zur Tür.“ befahl sie ruhig. Er tat, wie sie es verlangte.
„Meine Güte. Was ist das?“ fragte Wilfried, als er bemerkte, wie sich seine Nackenhärchen aufstellten.
„Das fühle ich. Und Du also auch. Ich dachte schon, ich sei etwas überreizt.“ In ihr machte sich ein Gefühl breit, eine Mischung aus Erleichterung und Entsetzen.
„Und was machen wir jetzt? Wir haben einen Geist in unserer neuen Wohnung.“ sagte Wilfried und drehte sich mit großen Augen um.
„Wir sagen es niemandem. Nachher werden wir noch irgendwo eingewiesen.“ flüsterte Eva und machte eine entsprechende Handbewegung, die besagte, in ihrem Kopf sei nicht alles in Ordnung.

„Was könnte es denn sein? Ob hier jemand gestorben ist?“ fragte Wilfried beim späteren Frühstück.
„Ist möglich. Aber ich habe immer das Gefühl, ich werde von außen beobachtet. Wenn, dann ist er draußen gestorben.“ antwortete Eva überzeugt. „Vielleicht war hier mal ein Friedhof, bevor sie ein Industriegebiet draus gemacht haben?“
„Nein. Hier war nichts.“ sagte Wilfried. Er war zwanzig Jahre älter als Eva und kannte das Gebiet noch, bevor es mit Gebäuden überzogen wurde. „Hier war eine Kiesgrube.“
„Schade.“ Eva war richtig enttäuscht.
„Du findest es schade, nicht auf einem alten Friedhof zu wohnen? Ich verstehe Dich nicht.“ Wilfried schüttelte den Kopf.
„Es wäre eine einfache Erklärung. Ich werde mal ein wenig nachforschen, was er denn will, unser Geist.“
„Willst du ihn fragen?“ grinste Wilfried.
„Ich befrage die einschlägige Literatur.“ Sie gab ihm einen gutmütigen Klaps.

Sie probierte alles aus, was die Literatur so riet. Sie sprach mit dem Geist, fragte ihn freundlich, ob sie ihm irgendwie helfen könnte, ließ die Fenster offen, vielleicht wollte er einfach nur rein und raus, wie es ihm gefiel. Sie stellte merkwürdige Gegenstände in alle vier Ecken aller Zimmer, um ihn dazu zu bewegen, sich eine neue Bleibe zu suchen, aber nichts veränderte sich. Beim Kochen hatte sie immer noch ein Prickeln auf dem Rücken und wenn sie fertig war, war ihr kompletter Körper mit einer Gänsehaut bedeckt.

So geht das nicht weiter, dachte sie missmutig, als sie abends zu Bett ging. Und dann hatte sie einen merkwürdigen Traum. Es fing damit an, dass sich jemand zu ihr ins Bett legte und sich an ihre Rückseite kuschelte. Ein Mann, er roch gut und hatte warme Haut. Er küsste sie auf die empfindliche Stelle hinter dem Ohr, sie fühlte seine warmen Lippen, als er begann, ihr etwas zuzuflüstern, was sie nicht verstehen konnte. Sie fühlte seine Hand auf ihrer Brust, zärtlich und leicht, er hörte nicht auf zu flüstern. Sie fühlte sich so gut und geborgen wie noch nie zuvor und der Traum nahm erst ein Ende, als der Wecker klingelte.
So ging das einen ganzen Monat lang und sie fand nach einiger Zeit den Geist nicht mehr unangenehm, ganz im Gegenteil. Er war nicht böse, er war nett und zärtlich und er tat ihr irgendwie leid. Wahrscheinlich wartete er auf seine Geliebte, die nicht mehr kommen würde. Und weil sie fort war, kuschelt er sich einfach an Eva.

Am 1. Mai hatten sie und Wilfried Langeweile und er schlug vor, einen Spaziergang zu machen. Wenn man auf der Straße abbog, kam man in eine Art Feldweg, der auf einer Straße parallel zu der ihren endete. Hier bogen sie nach links ab, es war furchtbar warm und Eva hatte gar keine Lust, so weit zu laufen. Ihre Schuhe drückten und sie schlich missmutig hinter Wilfried her, der immer gut zu Fuß war. Eva dachte die ganze Zeit an ihre schönen Träume und sie freute sich auf ihr Bett, denn heute würde sie wieder von diesem duftenden, jungen Mann träumen, dessen Gesicht sie noch nie gesehen hatte, denn auch in ihrem Traum war es dunkel.

Sie kamen an einem Baggersee vorbei, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war abgezäunt, der Zaun war rostig und nur noch teilweise vorhanden, vergammelte Warnschilder wiesen darauf hin, das Gelände nicht zu betreten. Sie stand eine Weile da, starrte auf das Wasser und den großen Bagger darin und sah unten einen Mann stehen, schlank und groß. Er drehte ihr den Rücken zu. Er sah auf die glitzernden kleinen Wellen und schien ganz entrückt zu sein. Sie warf einen Blick auf Wilfried, der unbeirrt weitergegangen war. Kurzerhand stieg sie über den rostigen Zaun und arbeitete sich vorsichtig nach unten zum See.
„Hallo? Entschuldigung?“ rief sie, um den Mann, der dort stand, nicht zu erschrecken. Der drehte sich um. „Ah, Schatz.“ lächelte er. Er mochte um die sechzig sein, vielleicht etwas älter, aber nicht viel, etwa so alt wie Wilfried. An seiner Haut konnte sie erkennen, dass er sich immer viel draußen aufgehalten hatte.
„Ich?“ fragte Eva und drehte sich um, um zu sehen, ob ihr jemand gefolgt war.
„Ich muss mir Dir reden.“ sagte der Mann. Er zeigte schöne Zähne, als er lächelte. Ob ihm die Kiesgrube gehört? fragte sich Eva. Der Mann trug sehr gepflegte Kleidung, was sie dann eigentlich nicht erwartet hätte.
„Wirklich?“ fragte sie verwirrt. Aber sie war nicht besonders irritiert, denn sie hatte ja bereits einen Geist in der Wohnung.
„Ja. Ich habe nachgedacht, Schatz.“ Seine Stimme hörte sich traurig an, hoffnungslos. „Es tut mir so leid.“ setzte er dann hinzu.
„Was denn?“
Ich habe mich folgendes gefragt: Wie werde ich leben, wenn Du aus meinem Leben bist, aus meinen Gedanken und aus meinem Fühlen? Wie kann ich leben, ohne Dich zu fühlen? Wie wird es sein, wenn all das Großartige, was Du für mich bist, immer weiter wegrückt in die Ferne, bis es ganz verschwindet und Du einfach nicht mehr da bist für mich?
Heute noch ist es unvorstellbar, dich zu verlieren in mir, dass da nur noch Schwärze ist, wo Du einst so bunt und lebendig warst. Ich werde dich für ewig verlieren, wird es mir überhaupt bewusst sein, wenn ich mir selbst nicht mehr bewusst bin? Hat es für die Welt eine Bedeutung, dass wir dann nicht mehr in Gedanken verbunden sind?
Ich werde dich vergessen, einfach so, jeden Tag ein bisschen mehr, niemand kann es aufhalten. Wie lange wirst du dich an mich erinnern, an den, der ich mal war und es seit gestern nicht mehr ist? Was werde ich dir noch bedeuten, wenn sich dein Leben dem Ende neigt? Werde ich dir wichtig gewesen sein oder bin ich nur noch eine undeutliche Kontur in deinen Gedanken?“ Er sah sie traurig an und griff nach ihren Händen.
Eva war sprachlos. Ob ich träume? fragte sie sich. Ich komme hier an den unbekannten See und ein Fremder sagt zu mir solche Dinge? In einer so gepflegten Sprache, fast wie abgelesen. Sie wusste gar nicht, was sie tun sollte. Sie schielte nach oben zur Straße, Wilfried war nicht zu sehen. Und als sie in den Augen des Mannes ein paar Tränen schimmern sah, umarmte sie ihn spontan und drückte ihn an sich. Wie traurig musste er sein!

In dieser Nacht schlief sie besonders gut in der Umarmung ihres nächtlichen Geistes. Der ältere Herr ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, der sich nach ihrer spontanen Umarmung wieder zum Wasser drehte und sie anscheinend vergessen hatte. Sie war die Böschung wieder hochgekrabbelt und war Wilfried hinterher gelaufen, der gar nicht bemerkt hatte, dass sie fehlte.
Am nächsten Tag, als Wilfried bei der Arbeit war, zog sie sich bequeme Schuhe an und spazierte wieder zu dem Baggersee. Aber diesmal war der Mann nicht dort. Aus der kleinen Hütte streckte jemand den Kopf. „Hallo?“ rief er Eva zu und sie zuckte schuldbewusst zusammen, denn sie befand sich ja auf einem fremden Grundstück.
„Ist der ältere Herr heute nicht da?“ fragte sie.
„Warten Sie, ich komme hinaus.“ sagte der junge Mann mit einem freundlichen Lächeln. Kurze Zeit später stand er vor ihr, in einem dreckigen Arbeitsanzug, staubigen Haaren und einem neugierigen Blick.
„Ich habe mich gestern mit ihm unterhalten.“ erklärte Eva.
 „Das ist unmöglich. Vater redet nicht mehr. Er ist dement. Manchmal hole ich ihn aus der Pflegeeinrichtung, weil er hier sein ganzes Leben verbracht hat. Und Sie sind sicher, er hat mit Ihnen gesprochen?“
„Ja. Dort unten.“ Eva zeigte auf den Rand des Baggersees.
„So beweglich ist er nicht mehr. Das ist ja seltsam.“ Der junge Mann sah sie prüfend an.
„Vielleicht war er es nicht.“ Eva befand sich schon auf dem Rückzug, sie hatte irgendwie das Gefühl, den Mann zu verraten. Dann fiel ihr etwas ein. „Wie heißt er denn, ihr Vater?“
„Friedrich Adamski.“ Der Mann zeigte auf das Firmenschild.
„Kam er aus Polen?“ fragte sie und kam sich unverschämt vor.
„Ja. Als ganz junger Mann. Damals war dort noch das Gebäude.“ Er zeigte über den Baggersee auf die Bauten, in denen sie eine Wohnung bewohnte.
„Aha. Dann einen schönen Tag.“ sagte Eva und drehte sich abrupt um. Jetzt wusste sie, warum sie ihren nächtlichen Besucher nicht verstand. Er sprach polnische Koseworte in ihr Ohr.
„Ach, einen Moment noch. Wo kann ich ihn besuchen?“ rief sie dem Mann nach.
„Herz-Jesu-Stift.“ rief er zurück und ging wieder in die Hütte.

Und so kam es, dass Eva keinen Geist mehr in ihrer Wohnung beherbergte. Sie besuchte Friedrich jeden Tag, der zwar dann jedes Mal die Worte wiederholte, die er zu ihr am Baggersee gesagt hatte, aber immer ruhig war und sie sehnsüchtig ansah, wenn sie ihm über die Wange streichelte. Und nachts würde sie versuchen, ihn zu verstehen. Sie hatte sich ein Wörterbuch gekauft und übte eifrig. Sie wollte unbedingt wissen, was er ihr zuflüsterte, ihr, der Frau, die er für seine Liebe hielt. Nachts, wenn er sich daran erinnerte, wie er als junger Mann war und wen er damals liebte. Und vielleicht würde sie ihren Namen erfahren, wenn sie ihn besser verstand. Dann könnte sie ihn fragen.






Sonntag, 26. Mai 2013

Die Geisterfrau soll sterben



Erst einmal werde ich die Geisterfrau bestrafen. Ich fahre zum Friedhof, nehme auf dem Familiengrab die Blumenschale weg und grabe, bis ich die kleine wasserdichte Metallbox in der Hand habe. Dann grabe ich das Loch wieder zu, reche die Erde glatt und setze die Blumenschale wieder drauf. Mein Vater ist hier nicht begraben. Er liegt gegenüber, was mich maßlos ärgert. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auf sein Grab pinkeln. Wie pietätlos, ihn in Sichtweite seiner gequälten Familie zu beerdigen.
Dann rufe ich Alex an und sie gibt mir einen Namen und die Adresse durch.
„Hast du keine Spuren hinterlassen? Das Netz vergisst nichts.“
„Ich bin doch nicht blöd.“ sie weiß, wen  ich suche. Sie weiß, was die Frau getan hat und was sie jetzt dafür erwartet. Ich werde ihr am Sonntag einen kleinen Besuch abstatten. Sie wohnt gar nicht weit weg. Ich kann einen Spaziergang dorthin machen. Sie ist am Sonntag bestimmt zuhause. Denn das, was sie samstags macht, stelle ich mir anstrengend vor.
Ich schaue mir die Straße einmal an. Ich jogge ab und zu. Werner kann das nicht nachvollziehen. Laufen ohne Grund. Also ziehe ich mir am Freitag die Laufschuhe an, setze mir eine Kappe auf und zockele in aller Herrgottsfrühe los. Werner liegt noch im Bett. Es ist August, also sollte ich in meinem Zustand laufen, wenn es noch nicht heiß ist. Die Kältewelle ist vorüber und Wind aus der Sahara kommt zu uns herüber und bedeckt uns mit Hitze und Staub.
Ich biege in lockerem Schritt in die Straße ein, in der das Biest wohnt. Kurz vor der Hausnummer wechsle ich auf die anderes Straßenseite. Hier stehen lauter große Einfamilienhäuser. Manche haben einen Zaun, das von Kerstin Eil hat eine Hecke. Schön hoch. Der Eingang nicht einsehbar. Ich habe keine Ahnung, wer Kerstin Eil ist. Sie scheint aber Geld zu haben. Die Limousine steht vor der Doppelgarage. Und da kommt Kerstin auch schon aus der Haustür. Sie ist es, ich erkenne sie am Gang. Sie zieht ein Bein leicht nach. Auch ohne hohe Schuhe. Sie hat eine Traumfigur, alle Achtung. Ich tippele auf der Stelle und tue so, als würde ich auf meinem MP-4 Player etwas suchen. In Wirklichkeit schiele ich zu ihr herüber. Sie trägt Shorts und ein enges T-Shirt. Blondes, glattes Haar hat sie zum einem Zopf gebunden. Sie geht zum Briefkasten und holt die Zeitung heraus. Sie sieht aus wie ein Engel.
Sehr sympathisch. Als sie mich sieht, lächelt sie und winkt mir zu. Was für eine freundliche Frau. An diesem Abend hat sie mir auch zugewinkt.
Wink noch mal. Viel Gelegenheit wirst du nicht mehr dazu haben, denke ich grimmig und laufe weiter. Ich komme am Ende der Straße an und laufe über die Hauptstraße wieder nach Hause.
Werner ahnt nicht, was die harmlose Nora vorhat. Er liegt tatsächlich noch im Bett, als ich zurückkomme. Ich gehe unter die Dusche und werfe mich tropfnass auf ihn. Er ist wach, also wird er diesmal nicht erschrecken.

„Du wilde Hummel. Du bist doch gerade gelaufen. Und dann kannst du noch?“
grinst er genüsslich, als er meine nackten, nassen Brüste in die Hände nimmt.

„Das inspiriert mich. Ich werde das jeden Tag tun.“
„Ich habe nichts dagegen.“

Also jogge ich auch am Sonntagmorgen. Werner schläft noch, als ich das Haus verlasse. Ich verstecke mich in einer von wildem Wein bewachsenen Einfahrt schräg gegenüber, bis ich die schöne Kerstin aus dem Haus kommen sehe. Sie ist Frühaufsteherin, was bei ihrem Hobby wirklich erstaunlich ist. Ich öffne den Reißverschluss meiner Bauchtasche. Die Straße habe ich vorher schon abgecheckt. Hier schlafen alle lange. Diesmal jogge ich auf ihrer Seite.
„Sie sind aber immer früh unterwegs.“ sagt sie. Heute trägt sie ein rotes Spaghettitop und einen kurzen weißen Rock. Was für eine Schönheit. Obwohl sie bestimmt schon vierzig ist, hat sie kein Fältchen im Gesicht.
„Ja. Es darf nicht zu warm sein. Ich bekomme ein Baby. Mein Name ist übrigens Leonhard. Kennen Sie meinen Mann?“ Ich strahle sie an. Sie steht ungefähr 8 m von mir entfernt.
Sie wird ganz blass. „Sollte ich?“ fragt sie unsicher.
„Oh, ja. Sie haben ihn fast totgeschlagen.“ teile ich ihr freundlich mit.
Sie rührt sich nicht. Umso besser. Ihre Augen suchen nach einem Fluchtweg, denn ich habe die Hand schon in meiner Bauchtasche. Sie starrt die Pistole an, die ich auf sie gerichtet habe.
„Das tut man nicht, Kerstin.“ sage ich und drücke ab. In diesem Moment wirft sie sich in ihre Hecke und ich treffe nicht ihr Herz, sondern ihre Schulter. Der Schuss muss die ganze Nachbarschaft geweckt haben.
„Blöde Kuh.“ fluche ich.
„Gib mal her.“ sagt Werner. „Du kannst wirklich nicht zielen.“ Ich bin perplex. Er nimmt mir in aller Seelenruhe die Pistole aus der Hand, geht auf die schöne Kerstin zu, die ihn panisch ansieht und vergisst zu schreien. Er lächelt sie höflich an. Dann setzt er ihr die Waffe an den Kopf und drückt ab.
„So. Lauf weiter.“ Er steckt mir die Waffe wieder in die Tasche und schwingt sich, ich denke ich sehe nicht richtig, auf ein Fahrrad.
„Du sollst weiterlaufen.“ sagt er und fährt langsam los.
„Lauf einfach neben mir her.“ Jetzt erst sehe ich, was er anhat. Er hat sich in eine Laufhose gequetscht, die bis zum Knie geht, trägt ein Polohemd (in rosa!) und Turnschuhe ohne Socken.
Wortlos laufe ich neben ihm her.
„Nicht umdrehen.“ sagt er.
„Was machst du hier?“ frage ich atemlos. Er hat ein ganz schönes Tempo drauf.
„Ich wollte doch mal sehen, warum du jetzt morgens läufst.“ grinst er entspannt.
„Seit wann fährst du Rad?“
„Ich fahre sonst im Fitnesscenter. Auf der Straße ist mir das zu blöd. Aber wenn ich es mir Recht überlege, sieht man auch manchmal interessante Dinge, du Racheengel.“
„Sie hat es verdient.“ keuche ich.
„Hoffentlich hast du die richtige erwischt.“
„Sie ist es. Ich habe sie an diesem Abend gesehen.“ Ich muss auf der Hauptstraße anhalten. Das Adrenalin, das durch meinen Körper geschossen war, als ich vor ihr stand und die Waffe herausnahm, habe ich abgelaufen. Aber ich habe keinen Atem mehr. Das muss die Schwangerschaft sein. Werner steigt vom Rad und geht neben mir.
„Du kannst nicht anhalten. Wir müssen hier weg.“
„Ich höre noch keine Polizei.“
„Die Frau muss man ja auch erst mal finden in ihrer dichten Hecke.“
Wir spazieren die Hauptstraße entlang, als wäre nichts geschehen.
„Wessen Rad ist das?“
„Es gehört Herrn Schrei.“ Herr Schrei ist der Mann von Frau Mecker. Das Ehepaar, das sich den ganzen Tag nur anbrüllt. Wir nennen sie Herrn Schrei und Frau Mecker, wenn wir sie wieder einmal streiten hören. „Ich habe es mir ausgeliehen. Wessen Waffe ist das?“
„Ich habe sie mir ausgeliehen.“ grinse ich.
„Von wem?“
„Herrn Kellermann.“
„Du erschießt die Tussi mit der Waffe, mit der du auf Kellermann geschossen hast?“
„Nein. Natürlich nicht.“ sage ich entrüstet. Für wie doof hält er mich denn?
Werner stellt das Fahrrad wieder an die Hauswand des Nachbarn. Dann nimmt er die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten, geht in die Küche und bereitet das Frühstück vor.
„Was hast du denn da an?“
„Gefällt es dir? Es fühlt sich sexy an.“ Er streicht sich über den Hintern.
„Du hast gerade eine Frau erschossen und machst dir Gedanken über deinen Hintern?“
„Das ist mein Job. Für dich mache ich es natürlich gratis.“
„Wie nett. Kannst du auch die Waffe verschwinden lassen?“
„Eine meiner leichtesten Übungen. Ein Ei, Schatz?“

Ich habe heute einen Eindruck davon bekommen, mit wem ich verheiratet bin. Ich war so aufgeregt, als ich bei der schönen Kerstin war. Bei Werner ist noch nicht einmal der Blutdruck gestiegen, höchstens aus Ärger, dass ich sie nicht richtig getroffen habe.
„Hast du das für Leo getan?“ Er sieht mich neugierig an, als er sein Ei geköpft hat.
„Nein. Ich habe schon ein Opfer von ihr gesehen. Es soll nicht noch mehr geben.“
„Es war also eine gute Tat von dir.“
„Eigentlich war sie eine gute Tat von dir. Ich habe ja schon wieder einmal daneben getroffen.“
„Ich werde es dir beibringen.“
„Ich habe einen Mann, der das kann. Nicht nötig.“
„Aber du machst dich jetzt nicht auf einen Feldzug, auf dem du jeden Mann erledigst, der einmal seine Frau geohrfeigt hat? Oder wenn eine Frau mich angesehen hat?“
„Die Gefahr besteht ja wohl kaum.“ grinse ich.
„Es gibt Frauen, die schätzen meine brutale Optik.“ sagt er pikiert.
„Kannst mir gleich mal die Adressen aufschreiben.“

Samstag, 25. Mai 2013

Mein Schwanz führt kein Eigenleben



Ein paar zärtliche Tage später werden wir morgens geweckt, weil Nadine an die Schlafzimmertür hämmert. „Steht auf. Sofort.“ brüllt sie und öffnet die Tür einen Spalt und wirft die Morgenzeitung in den Raum. „Sehr euch das an.“
Arno wälzt sich aus dem Bett und holt die Zeitung. „Was hat sie denn? Sie liest sie doch sonst nicht. Ist doch für Spießer.“ Er lässt sich aufs Bett sinken und ich lege die Arme um seinen Hals. „Was ist denn so wichtig?“
Es ist die Schlagzeile und das Foto Alexanders, das auf der Homepage der Langen Extruders zu finden ist. „Fabrikant entmannt aufgefunden.“
„Der bekannte Maschinenfabrikant Alexander Langen wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch schwer verletzt aufgefunden. Angeschossen und mit entfernten Genitalien fand man Herrn Langen vor einem Bordell in der Altstadt. Der Hintergrund der grausamen Tat liegt noch völlig im Dunkeln. Langen war völlig dehydriert und man geht davon aus, dass er ein paar Tage an einem unbekannten Ort gefangen gehalten wurde. Man sagt ihm Kontakte in die Rotlichtszene nach, des weiteren zur Russenmafia. Ob es sich dabei um Spekulationen handelt, werden die Ermittlungen der Sonderkommission ergeben, die gebildet wurde. Langen befindet sich zur Zeit in der Uniklinik, wo man versucht, die abgeschnittenen Genitalien wieder zu transplantieren. Man hatte sie im in den Mund gesteckt.“
„Ich glaube es nicht.“ schreit Arno. „Er hat ihn leben lassen?“
„Man hat ihm den Schwanz in den Mund gesteckt? Das ist interessant. Gib mal her.“ sage ich und reiße ihm die Zeitung aus der Hand. „Das ist die richtige Strafe für ihn. Das hat Friedrich sehr gut gemacht.“ sage ich befriedigt.
„Das war nicht Friedrich. Ein Mann tut so etwas nicht.“
„Ich war es nicht. Ich war die ganze Zeit bei dir.“
„Das war eine Frau. Ich wette, das war deine Mutter. Friedrich hat ihr erzählt, was Langen mit dir gemacht hat.“
„Dafür ist meine Mutter nicht abgebrüht genug. Ist ja auch egal. Jemand war es. Hoffentlich überlebt er ohne Pimmel. Das wäre eine wundervolle Strafe. Ich wünsche ihm ein langes Leben. Ist das ein schöner Tag.“ jauchze ich.
„Ich hoffe, ich habe dich niemals zum Feind, Sonja.“ sagt Arno erschauernd.
„Dem da würde ich niemals etwas tun. Der ist mein Freund.“ sage ich und streiche zärtlich darüber.
„Lass das. Oh, Mann. Wie kann man das tun? Ich werde nie wieder einen hoch kriegen.“ sagt er stöhnend.
„Zeig mal her. Doch. Da tut sich schon was. Nicht wahr, du bist mein Freund. Komm zu Sonja.“
„Hör auf damit!“
„Das sieht er aber völlig anders. Ah, wie groß er ist. Komm in meinen Mund. Ich beiße auch ganz zärtlich.“
„Du drohst, ihn abzubeißen und er findet das auch noch gut.“ sagt Arno grinsend hinterher. Er hält ihn schützend in der Hand, falls ich doch noch auf die Idee komme, seinen Penis mit den Zähnen zu bearbeiten.
„Er hat vielleicht eine devote Veranlagung, von der du nichts ahnst.“ sage ich und küsse ihn auf die Spitze, was ihn zusammenzucken lässt.
„Mein Schwanz führt kein Eigenleben.“
„Doch, das tut er. Komm, lass uns aufstehen. Ich habe Hunger.“
„Da habe ich ja noch Glück gehabt, dass er noch dran ist.“
„Ich hoffe, wenn Alexanders Schwanz wieder anwächst, ist er ganz klein.“
„Hör auf, davon zu reden.“
„Er kann sich ja Piercings machen lassen.“
„Du sollst aufhören.“

Das eBook Prinzessin Straßenkind erscheint im Juni 2013

Mein Ex-Liebhaber ist mein Vater



„Komm her.“ sagt er und zieht mich ins Wohnzimmer. „Setz dich, ich lese es dir vor. Ich habe ein paar Erkundigungen eingeholt.“
„Über mich? Frag mich doch einfach.“
„Über Alexander Langen.“
„Muss das sein? Wir hatten doch gerade das Vergnügen mit ihm.“
„Dossier über Dr. Dr. Ing. Alexander Matthias Langen, geb. am 02.03.1954.“ beginnt Arno.
„Wie alt ist der?“ frage ich erstaunt. „Achtundfünfzig? Der ist ja fast so alt wie Friedrich.“
„Ja. Hör zu. Eltern Dr. Matthias Langen, Diplomat, und Hella Langen, Bankangestellte. Aufgewachsen in Buenos Aires, Washington, DC und Schüler eines Eliteinternates in der Schweiz. Studium des Maschinenbaus in Hamburg und Dallas, Texas, promoviert. Studium der Wirtschaftswissenschaften in Harvard, hier promoviert. Gründete 1985 die Langen Extruders mit Produktion in Stuttgart.
Heiratete 1995 Kerstin Hagen, Börsenmaklerin. Zwei Kinder. Ein Junge, geboren 1974, Mutter Olivia Hansen. Ein Mädchen, Geburtsdatum unbekannt, Mutter Astrid Olburg, Schwedin. Geburtsurkunde liegen nicht vor, beides eruiert durch Unterhaltszahlungen. Eine Vorstrafe wegen schwerer Körperverletzung, 14 Monate auf Bewährung im Jahre 1998. Eine weitere Vorstrafe wegen Steuerhinterziehung, hier ein Deal mit der Staatsanwaltschaft, keine Haftstrafe gegen Zahlung einer hohen Geldbuße. Eine Vorstrafe wegen Drogenbesitzes im Jahr 2002.
Im Jahr 2000 ist er mit einem Sportflugzeug abgestürzt, schwerer Pilotenfehler, man entzog ihm die Fluglizenz. Schwere Verletzungen der Wirbelsäule, seitdem zu 100% behindert. Das ist gut. Da ist ein Scherz. Aber weiter. 2001 schwerer Herzinfarkt durch Drogenmissbrauch, hier: Amphetamine. 2003 Krebserkrankung, ein Tumor an der Speiseröhre, geheilt. Krankhaft vergrößertes Herz durch Drogenmissbrauch. Mann, der Typ ist ein Wrack. Kein Wunder, dass der staunt, dass er noch lebt.
Alexander Langen ist in einschlägigen Kreisen bekannt für besondere sexuelle Vorlieben, die sich mit der Erziehung und Erniedrigung von Frauen beschäftigen. Er ist Teil eines Netzwerkes von Männern, die die gleichen Neigungen haben. Da die Frauen aber freiwillig zu den Treffen gehen und sie sich schriftlich dazu bereit erklären, sich dominieren zu lassen, verlief bisher jede Anzeige ins Leere. Außerdem beschäftigt sich Herr Langen intensiv damit, sich Frauen zuführen zu lassen und sie nach Wunsch ihres Partners zu erziehen. Wenn Geld dafür fließt, dann nicht an ihn. Es ist anzunehmen, dass das Geld über seinen Partner Harald Hansen fließt, der der Bruder von Olivia Hansen ist, mit der er ein Kind hat. Beweisen lässt sich das jedoch nicht.
Eine sogenannte normale Beziehung zu Frauen ist nicht bekannt. Seit seinem Herzinfarkt führt seine Frau Kerstin die Geschäfte der Langen Extruders, dies jedoch nur, weil eine beeidigte Aussage vorliegt, die bekundet, welcher Art die sexuelle Beziehung zwischen den Eheleuten war. Man kann sagen, dass Frau Langen Herrn Langen damit erpresst. Sie führt die Geschäfte und so lange geht die Aussage nicht an die Öffentlichkeit.
Herr Langen beschäftigt sich ausschließlich mit jungen, beeinflussbaren Frauen. Eine Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau ist nicht bekannt. Willst du noch mehr hören?“
„Nein. Sag mir noch einmal den Namen der Mutter des Mädchens.“
„Moment. Astrid Olburg. Kennst du die?“
„Flüchtig.“ Meine Welt ist gerade untergegangen. Was er nach diesem Namen vorgelesen hat, ist an mir vorbeigezogen wie Nebel. Ich habe nur diesen Namen gehört. Astrid Olburg hat Peter Fuhrmann geheiratet. Sie hat vier Kinder. Eines davon bin ich. Das älteste. Das Kind, das zuhause leben musste, während die anderen Geschwister bei Pflegefamilien aufwuchsen. Astrid Olburg hat ein Kind mit Alexander Langen. Das würde erklären, warum die anderen Kinder fortgegeben wurden und ich bleiben musste. Weil er Unterhalt für mich bezahlte, Alexander Langen, mein Vater.
„Arno? Ich muss mich übergeben.“ sage ich und stürme ins Bad. Dann putze ich mir die Zähne, kämme mir die Haare und starre in den Spiegel. Ich stehe noch da, während Arno vorsichtig zur Tür reinlugt. „Was ist los? Bist du krank?“ fragt er. „Warum starrst du in den Spiegel? Was ist denn?“
„Er ist mein Vater, Arno.“ flüstere ich und in diesem Moment kommt mir die Tragweite dieser Aussage zu Bewusstsein. „Astrid Olburg, so heißt meine Mutter. Weißt du, was das bedeutet, Arno?“
„Das ist nicht gesagt. Nein. Du siehst nicht aus wie er.“ sagt er bestimmt. „Jetzt komm aus dem Bad. Das ist nicht gesagt.“
„Er weiß es. Er weiß, dass er mit seiner eigenen Tochter ins Bett gegangen ist. Er weiß das. Deshalb gibt er mir das Geld. Nicht, weil er mich misshandelt hat.“
„So ein Unsinn. So verkommen ist noch nicht einmal der. Komm her.“ Er nimmt mich in den Arm und hält mich fest. Ich fühle mich wie eine Gummiente auf einem stürmischen Ozean. Hohe Wellen schlagen über mir zusammen. Mein Leben hat gerade geendet. Ich habe meinen Vater geliebt. Etwas Schlimmeres gibt es in meinen Augen nicht.
„Du kannst sicher sein, dass er das nicht tut. Sogar er hat Ehre.“
„Ich muss mit meiner Mutter reden.“ sage ich tonlos. „Ich muss mit der verkommenen Schlampe reden. Und dann bringe ich sie um. Sie hat mir soviel angetan. Und dann auch noch das. Ich bringe sie um. Sie hat nicht verdient, weiterzuleben.“
„Lass uns zu deiner Mutter fahren. Jetzt sofort. Wir reden mit ihr.“
„Nein. Das willst du nicht sehen, wie meine Eltern leben.“


Meine Eltern leben immer noch in dem verkommenen Mietshaus. Im Flur mit den zerstörten Briefkästen riecht es immer noch nach Urin und Schimmel. Wir brauchen nicht zu klingeln, die Haustür steht sowieso immer offen, alles ist unverändert, alles ist so wie damals, als ich das letzte Mal hier gewesen bin. Ich will Arnos Hand nicht. Er muss sich doch vor mir ekeln, denke ich. Ich würde Sonja nicht mehr anfassen an seiner Stelle. Ich wollte alleine hier hinfahren, aber das hat er nicht zugelassen. Er hat mich sogar vor der Abfahrt noch einmal umarmt, um festzustellen, ob ich eine Waffe bei mir habe. Um meine Mutter umzubringen, braucht man aber keine Waffe. Sie muss nur noch Haut und Knochen sein, und es reicht vollkommen, sie zu schubsen und sie steht nicht mehr auf.
Ich war zehn Jahre nicht mehr hier. Aber selbst im Flur auf der 2. Etage hat sich nichts verändert. Sie haben sogar noch die gleiche Fußmatte. Aber etwas hat sich doch verändert. Es dringt kein Ton aus der Wohnung. Allerdings riecht es auch nicht verwest, sie leben also noch. Ich kann mich nicht durchringen, auf die Klingel zu drücken, also tut es Arno. Ich stehe vor der Tür, als würde ich zu meiner Exekution schreiten. Jemand kommt angeschlichen und öffnet misstrauisch die Tür. Meine Mutter steht dort. Meine Kehle ist wie zugeschnürt vor Hass. Sie sieht recht gut aus, einigermaßen gepflegt. Die Sachen, die sie trägt, sind zwar alt, aber sauber. Ich habe sie noch nie in sauberen Sachen gesehen. Sie ist auch nicht mehr so dünn, wie vor zehn Jahren. Als hätte sie aufgehört zu trinken.
„Welche bist du?“ fragt sie heiser. Sie kann ihre eigenen Töchter nicht unterscheiden.
„Sonja. Das ist Sonja.“ sagt Arno, weil ich kein Wort herausbekomme.
„Was willst du noch?“
Sie fragt mich allen Ernstes, was ich noch will. Sie bekommt seit zwei Jahren einen dicken monatlichen Scheck von mir, damit sie sich endlich ins Grab säuft und fragt mich dann, was ich noch will.
„Du dreckige Hure.“ schreie ich und schlage ihr ins Gesicht. Ich gebe ihr einen Schubs, den sie allerdings erstaunlich kräftig abfangen kann. Sie steht noch. Ich dränge mich an ihr vorbei in die Wohnung. Erstaunt sehe ich mich um. Es ist sauber hier. Nie habe ich die Wohnung so sauber gesehen. Sie hat sogar ein paar neue Möbel. Und im Wohnzimmer sitzt mein Vater im Rollstuhl. Er ist in sich zusammen gesunken und bekommt gar nicht mit, dass Besuch gekommen ist. Er ist scheinbar eingenickt.
„Bist du gekommen, um mir das zu sagen?“ fragt Mutter und sieht mich verärgert an.
„Nein. Du wirst mir etwas sagen. Wer ist mein Vater. Ist es der da?“
Der da zuckt zusammen und sieht auf. „Sonja?“ ruft er verwirrt. „Ist das Sonja?“
Ich fasse meiner Mutter an das Haar, das sie in einem ordentlichen, ergrauten Kurzhaarschnitt trägt und ziehe kräftig daran. „Wer ist mein Vater?“
„Wer soll dein Vater sein? Der natürlich.“ sie zeigt auf meinen Vater.
„Kennst du Alexander Langen?“ brülle ich. „Kennst du den?“
Meine Mutter greif nach meiner Hand und ich lasse angeekelt los. Die Frau darf mich nicht anfassen. Nicht diese Frau. Sie schüttelt ihr Haar zurecht. „Ja, ich kannte ihn.“ sagt sie.
„Das ist mein Vater, oder? Alexander Langen ist mein Vater. Gib es zu, du Schlampe.“
„Und wenn es so wäre?“ fragt sie provozierend und zeigt mir ihre neuen Zähne. „Wenn es so wäre? Auf den kannst du stolz sein. Auf den da nicht.“ sagt sie und zeigt auf meinen Vater im Rollstuhl. „Ja, den habe ich geliebt. Niemand war so wie er.“
„Nein. Da hast du allerdings Recht.“ sage ich und verpasse ihr wieder eine Ohrfeige.
„Du musst es ihr sagen, Astrid.“ murmelt mein Vater angestrengt. Er hatte bestimmt einen Schlaganfall und sein Sprachzentrum ist geschädigt.
„Was muss sie mir sagen?“
„Wenn du den Mund aufmachst, bringe ich dich um.“ kreischt meine Mutter in bekanntem Tonfall. So kenne ich sie nur. Kreischend und schreiend.
„Ich rede mit ihm.“ sagt Arno und schiebt uns aus dem Wohnzimmer.
„Wer ist das?“ fragt meine Mutter.
„Das ist mein Beschützer. Ihr habt mich ja nie beschützt.“ sage ich und breche in Tränen aus. Ich hatte mir geschworen, diese Frau sieht mich niemals weinen. Und jetzt sieht sie es doch.
„Nein. Das haben wir nicht.“ sagt sie dann leise, als sie mich weinen sieht. „Wir konnten es nicht, Sonja.“
„Nein. Ich konnte mich bis heute nicht schützen. Aber was ich konnte, das will ich dir gerne sagen. Ich habe meine saubere Wäsche von anderer Leute Wäscheleinen klauen müssen. Ich hatte keine Winterjacke und die Schuhe habe ich aus der Kleiderkammer der Kirche bekommen. Ich hatte nie zu essen und ich hatte nie Bettwäsche. Hier war immer nur Schmutz und leere Flaschen lagen überall. Ich musste im Kiosk mein Röckchen heben, damit ich einen Schokoriegel bekam oder eine Packung Kekse. Da war ich zehn.“ schreie ich unbeherrscht. „Ich war zehn und musste mich von den Männern anfassen lassen, damit ich etwas zu essen hatte. Ich habe im Supermarkt gestohlen, bis mir der Geschäftsführer mein Essen in einer Tüte neben die Mülltonne stellte, weil ich ihm leid getan habe. Aber ihr hattet immer genug Geld für Schnaps und Zigaretten. Ihr habt es noch nicht einmal gemerkt, wenn ich woanders geschlafen habe. Ich habe bei Breuer in der Werkstatt geschlafen, bei dem alten Schreiner. Der hat mit mir meine Hausaufgaben gemacht und wenn ich die Werkstatt gekehrt habe, durfte ich dort schlafen, weil es dort warm war.“
„Das habe ich nicht gewusst, Sonja.“ sagt sie fassungslos.
„Doch, das hast du gewusst. Meine Schwestern hatten ein neues Zuhause bei wundervollen Eltern. Sie hatten zu Essen, sie schliefen in Sicherheit. Und was hatte ich? Nichts. Warum nicht, MAMA?“ Mama klingt wie ein Schimpfwort.
„Wir bekamen Geld für dich.“ sagt sie dumpf.
„Von Alexander Langen. Weil er mein Vater ist. Sag es, ich will es hören.“
„Was ist daran so schlimm?“
„Ich habe mit ihm geschlafen.“ brülle ich mit überschlagender Stimme. „Mit meinem eigenen Vater.“
„Nein.“
„Willst du sagen, das stimmt nicht? Er hat eine Narbe an der Hüfte, die von einem Unfall in seiner Kindheit stammt. Woher weiß ich das wohl?“
„Du hast nicht mit deinem Vater geschlafen.“
„Doch, das habe ich. Und das ist deine Schuld. Du verkommenes, dreckiges Miststück.“
Ich nehme eine Vase von einem niedrigen Schrank und werfe sie nach ihr. „Du Dreckstück. Was hast du mir alles angetan? Ich war mit meinem Vater im Bett. Dafür hast du den Tod verdient. Du bekommst nichts mehr von mir. Nicht einen Cent.“
„Du kannst dein Geld wiederhaben. Ich habe es nicht ausgegeben.“ sagt sie. Dann geht sie ins Schlafzimmer und kommt mit einem Kinderköfferchen zurück. Das hat mal mir gehört. „Hier ist dein Geld. Ich wollte es nie. Ich konnte es nicht nehmen.“
„Aber deine Tochter im Dreck verkommen lassen, sie fast verhungern lassen, damit hattest du kein Problem.“ Ich reiße ihr den Koffer aus der Hand.
„Wir sind Alkoholiker, Sonja.“
„Ach, du weißt meinen Namen noch. Wie schön.“
„Alexander war vor etwas über zwei Jahren hier. Er hat uns einen Platz in einer Entzugsklinik besorgt. Seitdem trinken wir nicht mehr.“ sagt sie stolz.
„Wie außerordentlich fürsorglich von ihm. Soll ich dir mal sagen, was er mit mir gemacht hat? Ich sage es dir. Wage es nicht, dir die Ohren zuzuhalten. Er hat mir seinen Schwanz überall hineingesteckt und es hat weh getan. Und ich habe es ertragen. Weil ich wollte, dass er mich liebt. Als Frau, nicht als Tochter. Ich wusste nicht, wer er war. Er hat mich geschlagen und mir in den Bauch getreten. Er hat mich leiden lassen. Mein Vater.“

Das eBook Prinzessin Straßenkind erscheint im Juni 2013
www.susanne-kolbach.de

Donnerstag, 23. Mai 2013

Freund der Familie

Freund der Familie  von Susanne Kolbach

Sie traf ihn bei einer befreundeten Familie. Es war im Sommer und sie war zum Grillen eingeladen, wie so oft. Aber diesmal war der Nachbar der Familie auch eingeladen und sie hatte ihn schon ein paar Mal von fern gesehen, sie wusste, ihm gehörte der LKW, der gegenüber geparkt war.  Ein freundlicher, ruhiger Mann, etwa Fünfzig, sie war fünfunddreißig und Single und er unterhielt sich mit ihr sehr nett und als er ihr die Schüssel mit dem Salat reichte, ließ sie diese fast fallen, so sehr versenkte sich sein Blick in ihren Augen. Sie war augenblicklich fasziniert. Sie bekam gar nicht mehr mit, was er erzählte, eine nette kleine Anekdote, ein Erlebnis mit dem Hausherrn, und die ganze Zeit hatte er den Blick auf ihren geheftet.



Sie nestelte an ihrem Ausschnitt herum, sie schwitze plötzlich, obwohl es schon ziemlich abgekühlt war an diesem Julitag. Sie sah nur noch braune Augen unter vorwitzigem braunem Haar, er sprach in einem seltenen Dialekt, der hier in der Gegend kaum zu hören war und sie siedelte ihn geographisch irgendwo in der Nähe von Frankfurt an.



Als sie mit ihrer Freundin das Geschirr in die Küche brachte, fragte sie sie nach ihm.

„Hunsrück.“ sagte Sabine knapp und wenig begeistert. „Der ist in festen Händen. Ich sage es dir nur.“ Sabine hatte für Techtelmechtel nichts übrig, so etwas kam in ihrer Welt nicht vor und bitte auch nicht in der Welt der sie umgebenden Menschen. Also hielt Iris vorsichtshalber den Mund und suchte seine Nähe, als sie wieder draußen am Tisch Platz nahm. Er nahm seinen Gesprächsfaden wieder auf, blieb unverbindlich freundlich und Iris dachte schon, sie hätte sich geirrt, als er diesen Blick wieder hatte. Kurz darauf verabschiedete er sich und Iris blieb mit Günther, dem Hausherrn, alleine zurück. Sabine war bereits zu Bett gegangen. Sie plauderte noch ein wenig unkonzentriert mit Günther und verabschiedete sich dann ebenfalls, um nach Hause zu fahren.



Als sie im Wagen saß, suchte sie krampfhaft nach einem Stück Papier. „Ich würde gerne mit Dir essen gehen.“ kritzelte sie darauf und ihre Telefonnummer. Dann stieg sie noch einmal aus und klebte diesen Zettel mit einem Pflaster an die Fahrertür des LKW. Mit klopfendem Herz stieg sie wieder in ihren Wagen und fuhr in ihre einsame Wohnung.



Morgens gegen fünf Uhr klingelte ihr Telefon. Es war Thomas, der sich sehr überrascht und erfreut zeigte über ihre Nachricht. Sie verabredeten sich für den nächsten Freitag, wie würden zu einem Italiener gehen. Iris freute sich wie verrückt, hüpfte sofort zum Schrank und überlegte, was sie anziehen würde.



Aber am Freitag rief er an, um abzusagen. Seine Lebensgefährtin wäre erkrankt und sie müssten es verschieben. Tief enttäuscht und überzeugt, nie wieder von ihm zu hören, verbrachte sie den Freitagabend alleine vor dem Fernseher. Und als sie in tiefem Schlaf lag, klingelte wieder ihr Telefon. Thomas war sehr verlegen und bat sie, ihn abzuholen an der Autobahnbrücke, er wäre bis dorthin gelaufen, und er könne nicht in die Wohnung zurück, seine Freundin hätte ihn ausgesperrt.



Hocherfreut machte sie sich auf den Weg und sammelte ihn an der Autobahnbrücke ein, wo er stand, in Jeans und Hemd und Pantoffeln.

„Sie trinkt.“ sagte er zur Erklärung, als er in ihrem Wagen saß. Er roch nach einem teuren Rasierwasser, sah gepflegt aus er war nüchtern. Zum Glück, stellte sie erleichtert fest. Einen Alkoholiker wollte sie sich nicht ans Bein binden, so nett er auch war. Er folgte ihr in ihre Wohnung, seufzte erleichtert, als er sich umsah. „Sie hat ziemlich gewütet.“ grinste er und ließ sich erschöpft auf die Couch sinken.

„Was darf ich Dir denn anbieten?“ fragte Iris und er strecke die Arme aus. „Dich.“ sagte er, zog sie an sich und küsste sie unerwartet leidenschaftlich. Dann zog er sie langsam aus, bis sie nackt in seinen Armen lag und er sich hingebungsvoll um ihre großen Brüste kümmerte, die ihn zu verzaubern schienen. Und dann zog er sich aus und liebte sie langsam auf der Couch, als wolle er jeden Moment auskosten, weil er nie wieder kommen würde.



Und das tat er auch nicht. Er blieb bis zum nächsten Tag, sie fuhr ihn wieder zurück und dann hörte sie ein paar Tage nichts von ihm. Sie war am Boden, sie weinte nur noch. Und dann, am Donnerstag, klingelte es an ihrer Tür und er stand davor und zog sie wieder in die Arme, um sie zu lieben.



Das ging so einige Wochen, ein paar nächtliche Telefonate, keine Versprechen, ein paar Informationen über sein Leben, seine häusliche Situation und wie sehr sie ihm gut tun würde. Sie litt. Iris litt, weil sie niemals wusste, wann er wieder kommen würde. Ob er überhaupt kommen würde. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, so sehnsüchtig hypnotisierte sie ihr Telefon, so fertig war sie an jedem Morgen, wenn es still geblieben war. Sie besuchte ihre Freunde, niedergeschlagen, mittlerweile hatte sie Günther davon erzählt, sie hatte es nicht ausgehalten, zu schweigen. Und da kam Thomas von gegenüber, küsste sie in der Küche, weil der Garten von gegenüber aus einsehbar war und sie verbrachte einen lustigen Abend mit ihre Freunden und Thomas und sie fühlten sich als Paar.



Und dann kam seine Freundin herübergelaufen, schrie über den Zaun, Iris sei eine Nutte, ihr Freund ein Ehebrecher und sie beschimpfte sie aufs primitivste, und zwar in einer Lautstärke, dass eine andere Nachbarin die Polizei rufen wollte und die Lebensgefährtin achtete nicht auf die Autos und wurde von Günther schnell auf den Bürgersteig gezerrt, damit sie nicht überfahren wurde. Iris war zu Tode erschrocken, ging ihr doch jetzt auf, was Thomas jeden Tag erlebte. Und sie fragte sich, warum er nicht auszog.



„Sie wird bald sterben.“ erklärte er ihr in einem nachfolgenden Telefonat ungerührt. Er wolle bei ihr bleiben, bis es zu Ende war, immerhin hatten sie auch schöne Zeiten miteinander. Und danach wollte er sich ganz alleine Iris widmen.



Dann hörte sie zwei Wochen wieder nichts von ihm, sie konnte kaum noch schlafen und hatte das Essen fast komplett eingestellt. Und dann rief er an, seine tiefe Stimme tröstete sie und regte sie zugleich auf. Sie war traurig und wütend auf ihn zugleich, ihr so etwas anzutun. Seine Freundin sei jetzt in der Klinik, sagte er. „Liebst Du mich?“ fragte er dann nach einer langen Pause und diese Frage empfand Iris als Hohn, sie war zutiefst verletzt und legte auf. Dann rief er wieder an und sie legte den Hörer daneben.



Zwei Monate später hatte sie sich noch immer nicht gefangen, sie heulte nur noch, konnte kaum schlafen und empfand ihr Leben als eine Qual. Und dann rief Sabine an, seine Freundin wäre tot. Aber Iris war nicht der Typ, der sich über den Tod anderer Menschen freute. Sie litt still vor sich in, und kam zu dem Schluss, sich umbringen zu müssen, weil es die logische Konsequenz aus dem Geschehenen sei. Sie würde das niemals verwinden können. Und im November ging sie zu ihm hinüber, als sie Sabine besuchte und klingelte an seiner Tür. Das war ja jetzt gefahrlos möglich, wo die Freundin tot war.



Hocherfreut öffnete er ihr die Tür. Er hatte neue Möbel gekauft nach ihrem Tod, auch ein neues Bett, ob sie es einmal sehen wolle. Und als sie im Schlafzimmer waren, zog er sie in seine Arme und schob seine Hände unter ihren Pullover. Er habe so lange darauf gewartet, flüsterte er.

Das war ihr aber auch nicht Recht, ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich benutzt, als ein Objekt, ein Spielball seiner Launen und sagte fest, dafür sei sie zu schade. Dann verließ sie hoch erhobenen Hauptes das Haus und ging wieder zurück zu ihrer Freundin, die gerade mit dem Dekorieren einer Torte beschäftigt war.

„Wo warst du denn, Iris? Ich wollte dir etwas erzählen.“ Sie, die niemals über andere schwätze, beugte sich vertraulich zu ihr hin und flüsterte, was sie wichtiges mitzuteilen hatte.

„Ist das nicht komisch? Seine erste Frau stirbt, weil sie die Treppe herunterfällt, die zweite, weil sie vom Stuhl fällt. Was hältst du davon? Unser harmloser, bedauernswerter Thomas. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als ich erfuhr, wie sie starb. Im Schlafzimmer. Wie gut, dass das mit Euch nicht geklappt hat. Ich hätte richtig Angst um Dich gehabt. Hilf mir mal mit der Torte.“