Freitag, 15. November 2013

Endlich da! Die Hörprobe

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Endlich ist sie da! Die Hörprobe des Prologs aus "Der Zirkel" gelesen vom wunderbaren Jürgen Glasmacher.
Reinhören!

Donnerstag, 8. August 2013

Endlich! Prinzessin Straßenkind erscheint im August 2013

Das Straßenkind wird als eBook erscheinen bei Epubli.de, Amazon.de, weltbild.de, etc.
Weitere Informationen folgen, sobald sie vorliegen:

Hier schon einmal ein Vorgeschmack auf das Cover:




CoverStrassenkind_SK2

Und auf die Widmung:

Für meinen liebsten Jan, den Glühwürmchenjäger und Schmetterlingsküsser, der es mit seiner Freundschaft und Wärme immer wieder schafft, mich einzunorden und auf die richtige Spur zu bringen: die nach vorne.


Und darum gehts:

Die seit ihrer Kindheit traumatisierte, mittellose Sonja steht auf einmal zwischen zwei Männern. Dem faszinierenden, charismatischem Alexander mit der dunklen Seite, von dem sie sich nicht lösen kann und dem freundlichen, harmlosen Arno, der ihr wie ein Geschenk des Himmels vorkommt. Kann er ihr helfen, hinter das Geheimnis der seltsamen Geschehnisse in ihrem Leben zu kommen, die sie bedrohen? Was ist es, das sie besitzen soll und alle Welt zu suchen scheint? Steckt Arno etwa mit den anderen, beängstigenden Personen unter einer Decke`?

Mittwoch, 26. Juni 2013

Buchauszug "Mike und Maja"



Ich klappe das kleine Buch zu. Mike rumort in der Küche. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Aber zu lachen käme mir überhaupt nicht in den Sinn. Sie hat ihn einfach verarscht. Oder sie ist wirklich so krank im Kopf. Was mache ich denn jetzt? Jetzt kann ich noch weniger verstehen, dass er so unverkrampft mit mir ins Bett gehen kann. Was hat ihn das bei Nadja an Überwindung gekostet. Bei mir nicht? Das kann doch nicht sein. Mein Herz tut mir weh, nachdem ich das gelesen habe. Wie glücklich er war und wie sie ihm dann den Schlag versetzt hat. Was für eine kleine dreckige Kröte, diese Nadja. Mike nimmt an, dass sie Oliver getötet hat. Das glaube ich nach dieser Geschichte auch. Was sage ich ihm jetzt? Er hat es mir anvertraut. Das hätte Mike nicht tun müssen. Zögernd schleiche ich mich barfuss in die Küche. Er pellt gerade Kartoffeln, die er gleich braten will. Ich habe lange gelesen, manchen Absatz habe ich zweimal lesen müssen. Er hatte Zeit genug, Kartoffeln zu kochen.
„Ich höre dich gar nicht lachen.“ sagt er. Er balanciert eine heiße Kartoffel in der Hand und dreht sich nicht zu mir um.
„Das ist zu traurig, um darüber zu lachen.“ sage ich und lege die Arme um ihn. Mein Gesicht schmiege ich an seinen Rücken und er legt die Kartoffel und das Messer fort und legt seine Hände auf meine. „Hast du ein Höschen an?“ fragt er.
„Nein.“
„Das ist gut, Schatz.“ er dreht mich um und er hebt mich auf die Arbeitsplatte, zieht mir das Kleid hoch über die Oberschenkel und küsst mich voller Verlangen. Ich ziehe ihm den Pullover über den Kopf, schiebe die heißen Kartoffeln in die Spüle und er öffnet sich den Reißverschluss und dringt in mich ein, schnell und atemlos, als hätten wir keine Zeit mehr. Ich schlinge die Beine um ihn und stöhne vor Verlangen und Schmerz.

„Du blutest, Schatz.“ sagt er verwundert, als er seine Hand ansieht.
„Ich sitze auf dem Küchenmesser.“
„Meine Güte.“ Er reißt mich an sich, von der Arbeitsplatte herunter und besieht sich mein lädiertes Hinterteil. „Warum sagst du nichts?“
„Es war einfach zu schön.“ grinse ich. „Ist es schlimm?“
„Ein Kratzer. Das hätte schlimmer ausgehen können. Warte. Ich gebe dir ein Pflaster. Ich habe ganz schöne. Mit Pferden drauf.“
Er klebt mir eins von Sandras Pflastern auf die eine Pobacke und gibt noch einen Kuss darauf.
„Gut. Schmerz ist weg. Du hättest Arzt werden sollen.“
„Oder Vampir.“ er wischt das Blut von der hellgrauen Arbeitsplatte und fischt dann die Kartoffeln aus dem Spülbecken. „Sitzt auf dem Küchenmesser und sagt nichts.“ murmelt er.
„Für dich könnte ich noch viel mehr aushalten.“
„Untersteh dich. Niemand soll für mich leiden. Mir ist gar nicht mehr nach Bratkartoffeln. Warum bestellen wir uns nicht was? Wir legen uns ins Bett und füttern uns mit Pizza?“
„Wir füttern uns erst und gehen dann ins Bett.“
„Wir gehen erst ins Bett und essen dann.“
„Wir gehen nur ins Bett und ich knabbere an dir.“
„Wir laden uns bei Bodo und Marion ein.“
„Gute Idee.“

Wir bleiben bei den Bratkartoffeln mit Quark. So können wir nämlich in gemütlichen Klamotten kichernd am Küchentisch sitzen und uns füttern. Er macht mir mit Quark einen Punkt auf die Nase, ich beiße ihn dafür ins Ohr und dann jagt er mich auf die Couch und wir schlafen noch einmal miteinander, diesmal zärtlich und liebevoll und mit ganz vielen gemurmelten „Ich liebe dich.“
Dann besorgt er aus dem Vorratsschrank einen neuen Karton Pralinen, weil die Schale im Schrank wirklich leer ist und ich stopfe ihm nacheinander den halben Schachtelinhalt in den Mund. „Ich will ganz schnell so aussehen wie früher.“ Dann geht ihm auf, was er gesagt hat. „Gewichtsmäßig.“ grinst er.
„Ich auch.“ seufze ich.
„Das kannst du halten, wie du willst. Hast du nicht gesagt, du brauchst deine niedlichen kleinen Speckröllchen? Die sind so klein, die sieht man kaum.“ Er küsst mich auf die Taille, die früher mal eine war.
„Aber man fühlt sie.“
„Ja. Das ist geil.“ grinst er und beißt mich in den Hüftspeck. „Du hast ja keine Ahnung, was es für einen Unterschied macht, eine wirkliche Frau in den Armen zu halten oder eine, die eigentlich ein Kleiderständer ist. Wenn ich das vorher gewusst hätte.“
„Früher habe ich nicht so ausgesehen.“
„Aber jetzt. Extra für mich. Habe ich mich dafür schon bedankt?“
„Ist wirklich nicht nötig.“ lache ich.
„Doch. Warte.“ Er angelt nach seiner Hose, ohne die Couch zu verlassen. „Mach mal die Augen zu.“
„Mach jetzt bloß kein Foto.“
„Ach, ja. Da brauche ich auch noch eins von dir. Ich will dich immer bei mir haben.“
Er clipst mir etwas an die Ohrläppchen. „Beim nächsten Mal bekommst du Löcher geschenkt. Dann ist die Auswahl größer.“
„Was ist das?“ Ich rupfe an meinen Ohrläppchen herum. „Ohrclips. Ach, sieh dir das an. Mike. Wie schön.“ Aufgeregt setze ich mich auf. „Für mich?“
„Nein. Ich will sie ansehen, wenn sie an deinen schönen Ohren sind.“
„Mike, die sind so groß, da sieht man meine Ohren gar nicht mehr.“ Ich kriege mich gar nicht mehr ein. „Die waren bestimmt sehr teuer?“
„Nein. Ich bekam sie zum Sonderpreis.“
„Bei der Firma Stürmer. Die sind aus der neuen Kollektion.“
„Nein. Sie sind eine Einzelanfertigung. Nur für dich.“
„Papa hat sie aus der Kollektion genommen? Für mich? Für dich. Das hat er noch nie gemacht.“ Ich sehe mir die Ohrclips an. Sie sind aus schwerem Gold mit exquisiten Steinen. Wenn man die den ganzen Abend getragen hat, weiß man, was man geleistet hat. Ich muss lächeln und gleichzeitig kommen mir die Tränen.
„Das waren keine Ohrclips. Das war eine Brosche.“ erinnere ich mich. Ich habe Papas Entwurf gesehen. Damals war es noch eine gezeichnete Brosche.
„Wieso hat die Tochter von Bodo Stürmer keine Ohrlöcher?“
„Damit ich Mikes wundervolle Clips tragen kann.“ Ich schiebe ihn beiseite und rase zum Spiegel. Ich muss das Haar hochnehmen, um sie zu bewundern.
„Mike? Das dauert lange vom Entwurf bis zum fertigen Schmuckstück. Wann hast du sie in Auftrag gegeben?“ sage ich argwöhnisch.
„Es ist schon ein bisschen her.“ sagt er und küsst mich auf den Nacken.
„Und wusste mein Vater, für wen sie sein sollten?“
„Nein. Ich sagte, sie seien für eine wunderbare Frau.“
„Und wenn wir nicht…“
„Dann hättest du sie trotzdem bekommen. Du hättest sie mit der Post bekommen. Von einem unbekannten Verehrer.“
„Du hast dich nicht mal so auf die Schnelle ich mich verliebt.“
„Nein. Das ist auch schon ein bisschen her. Sie gefallen dir also?“
„Ja. Ich danke dir. Ich brauche mir gar nichts mehr anzuziehen. Jeder starrt auf meine Ohren, wenn ich sie trage.“
„So? Ich nicht.“ sagt er und drückt sanft meine Brüste. „Ich nicht. Ich bin von ganz anderen Dingen fasziniert.“
„Und ich von dir. Ich habe noch nie Schmuck geschenkt  bekommen. Sogar meinen Ehering habe ich selbst gekauft. Der Arsch war ewig pleite.“
„Also bist du quasi ein unbestelltes Feld. Das ist schön. Ich mag es, eine Frau zu beschenken.“
„Mit bösen Blicken. Ich weiß.“ sage ich neckend.
„Ist mein Blick böse?“ Er sieht mich im Spiegel an.
„Im Augenblick nicht. Er ist liebevoll. Und das gefällt mir genauso gut.“
„Meine hämischen Blicke haben dir gefallen?“
„Außerordentlich.“
„Aber ich nicht. Ich habe dir nicht gefallen.“
„Doch.“ flüstere ich. „Du hast mich damit neugierig gemacht. Du hast mich mal gefragt, an wen ich gedacht habe… dabei.“ sage ich errötend.
„An mich? Du hast an den verhungerten Kerl von gegenüber gedacht?“
„Ja.“
„Also habe ich es ganz falsch angefasst. Ich habe dich damit auf mich aufmerksam gemacht, anstatt dich abzuschrecken.“
„Ja. In dieser Angelegenheit seid ihr uns einfach unterlegen. Mach dir nichts draus.“
„Du warst so unglaublich süß, wenn du dich aufgeregt hast. Einmal habe ich gedacht, jetzt schlägt sie mich ins Gesicht. Aber dann hast du den Blick niedergeschlagen, weil du verlegen warst.“
„Du hast den Blick niedergeschlagen.“
„Ich sah in deinen Ausschnitt. Der war so gewagt, ich konnte den Leoparden sehen.“
„Dann warst du so verwirrt, dass du den Tiger nicht erkannt hast.“
„Ja, ich sah nur die Katze in dir. Du hattest die Krallen ausgefahren.“
„Ich habe mich immer gefragt, warum du mich nicht verklagst. Ich war nicht sehr nett.“
„Das vielleicht nicht. Aber sehr sexy.“
„Das mag sein. Aber ich bin es nicht, wenn ich auf einem Pferd sitze.“
„Aber du bist es, wenn ich in dir bin, wenn du dann deinen Mund leicht geöffnet hast und die Augen geschlossen. Wenn du eine Hand in deinem Haar hast und leise stöhnst.“ flüstert er. „Weißt du eigentlich, dass du dir den Daumen in den Mund steckst, wenn du schläfst? Nicht immer. Das müsstest du mal sehen. Das werde ich mal fotografieren.“
„Wie siehst du das denn? Du hast immer dein Gesicht in der Decke vergraben.“
„Ich habe dich oft genug beobachtet. Ich habe ein Fernglas. Das kann ich ja jetzt zugeben. Ich schlafe nicht viel. Aber wenn du neben mir liegst, klappt das auf einmal.“
„Ja. Das sind meine magischen Kräfte.“

Alle Rechte bei www.kolbach-susanne.de
Das ebook Mike und Maja ist erhältlich bei Amazon.de und epubli.de

Leseprobe "Der Zirkel"



Im Gerichtssaal selbst ist die Presse auch noch zugelassen. Das Fernsehen ist da und man filmt mich, als ich auf einer der Bänke Platz nehme, ganz vorne. Sie filmen auch noch, als Clemens hereinkommt. Er sieht ernst aus, trägt einen Anzug und setzt sich neben seine Anwälte. Ich kenne sie. Es sind die renommiertesten der Stadt. Eigentlich müsste er den Saal als freier Mann verlassen mit einer solchen Truppe an seiner Seite. Clemens sieht sich nicht um. Er starrt auf das Wasserglas auf seinem Tisch. Dann muss die Presse den Saal verlassen, als das Gericht hereinkommt und alle sich erheben. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist mit Neugierigen, die erpicht darauf sind, über diese perverse Angelegenheit bis ins letzte informiert zu werden. Die Pressevertreter haben ihre Blöcke und Stifte gezückt und der Vorsitzende fragt Clemens nach seinen Personalien.
Dann sieht er zum ersten Mal auf und nennt Namen, Geburtsdatum und Anschrift. Seine Stimme. Die wird mich verfolgen, bis ich in der Kiste liege und dieses unwürdige Leben abgeschlossen habe. Mir bricht der Schweiß aus. Sein Beruf? Privatier, ehemals der Inhaber den Vandenberg Automotive Engineering. Dann wird die Anklageschrift verlesen. Sie ist erheblich zusammen geschrumpft. Alles verjährt bis auf Förderung der Prostitution und schwere Körperverletzung und Vergewaltigung. Selbst der Tod meiner Mutter wird nicht erwähnt. Clemens soll dazu Stellung nehmen. Ja, sagt er, das entspricht alles den Tatsachen. Er ist ganz ruhig. Dann ist der Staatsanwalt dran. Verbissen hält er eine Art Vortrag. Er beginnt mit dem Tag, als Yvette in das Vandenberg-Haus kam. Der Staatsanwalt redet und redet. Clemens hört aufmerksam zu. Ja. Das entspricht alles der Wahrheit.
Ich denke, jetzt wird Yvette als erste Zeugin aussagen. Pustekuchen. Mir stockt der Atem, als der erste Zeuge aufgerufen wird. Es ist Robert Zorn, ehemals Frank Vandenberg. Jetzt wird Clemens zum ersten Mal nervös und ich sehe ein Zucken über seinem Auge. Robert kommt herein, in einem dunkelgrauen Anzug, dunkelgrauen Hemd und silberner Krawatte. Er ist völlig ruhig und sieht seinen Vater nicht an, als er Platz nimmt.
Er nennt seine Personalien. Robert Zorn, geb. Frank Vandenberg, Geburtsdatum und Anschrift. Er ist in Zorns Haus gemeldet. Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht.

„Herr Zorn, würden Sie uns bitte sagen, wie es kommt, dass Sie sich von der Familie Zorn adoptieren ließen? Sie hatten doch eine Familie.“ sagt der Staatsanwalt. Er ist jetzt schon in seinem Triumph gefangen. Er wird nun anhand von Robert zeigen, wie verkommen Clemens Vandenberg ist, wenn sich sein Sohn entscheidet, sich ein anderes Elternhaus zu suchen.
„Ich ließ mich von Gisbert Zorn und seiner Frau adoptieren, weil ich darum gebeten habe. Bei der Familie Zorn, zu der noch zwei Söhne in meinem Alter gehörten, fand ich ein Zuhause, wie es früher einmal bei uns gewesen war. Bevor unsere Mutter uns verließ.“ sagt er klar und ohne Anklage. Seine Stimme ist mir so vertraut und klingt doch ganz fremd.
„Würden Sie uns bitte schildern, wie das Familienleben war, bevor Frau Vandenberg Ihren Vater verließ?“
„Ja. Meine Mutter verließ uns, als ich zehn war und mein Bruder Gregor zwölf. Wir waren eine glückliche Familie, schien mir. Meine Eltern waren sehr liebevoll zu uns. Mein Vater hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um uns bemüht. Er war damals selten zuhause, weil er den Konzern ausbaute. Aber wenn er da war, spielte er mit uns. Wir hatten eine riesige Carrera-Bahn im Keller und in jeder freien Minute war er für uns da.“ Er atmet tief durch.
„Und dann verließ sie ihre Mutter.“
„Ja. Mein Vater war am Boden zerstört und ein endloser Zug junger Frauen zog durch unser Haus. Seine kleinen Freundinnen nannte er sie. Er trank viel, ging mit Ihnen aus, brachte sie ins Haus und nach einer Woche kam wieder eine andere. Bis dann Yvette kam. Von da an ging alles abwärts.“
Das hat der Staatsanwalt so nicht erwartet. Er fummelt sich am Kragen herum.
„Was bitte geschah dann?“
Ich werfe einen Blick auf Clemens, der gedankenverloren mit einem Kugelschreiber spielt.
„Gregor und ich fanden sie einfach umwerfend.. Sie hatte keinerlei Schwierigkeiten, uns für sie zu begeistern. Sie war so lustig und nett. Sie nahm uns ernst. Und wir dachten, es wäre schön, wenn sie bleiben würde.“
„Ich dachte, es ginge abwärts?“
„Ja, das tat es. Sie ging mit meinem Vater ins Schlafzimmer. Sie stöhnte jede Nacht so laut, dass wir uns die Kissen über den Kopf legen mussten, um schlafen zu können. Und irgendwann ging ihr Gestöhne in Schreien über und wir hörten etwas, das sich wie Schläge anhörte. Danach hatte Yvette einen geradezu verzückten Gesichtsausdruck, obwohl sie sich nicht richtig bewegen konnte vor Schmerz. Und ich sah, wie die Haushälterin die Laken des Schlafzimmers wechselte, sie waren blutig.“
Ein Gemurmel geht durch den Saal. Da, endlich, hören Sie, worauf sie gewartet haben.
„Yvette war eine sehr schöne, junge Frau. Sie kleidete sich recht freizügig. Und sie hatte einen großen Busen. Ich starrte immer dorthin. Aber nicht, weil ich ihn so schön fand. Es waren feine Narben darauf. Ich fragte mich, wie sie dorthin gekommen waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater das getan haben könnte.“
Jetzt sieht Robert zum ersten Mal Clemens an und ihre Blicke begegnen sich.
„Ich fragte sie eines Tages danach, als ich mit ihr alleine war. Sie sagte nein, die wären nicht von Clemens. Sie hätte früher einen anderen Besitzer gehabt. Sie sagte Besitzer. Ich fragte, ob sie jetzt meinem Vater gehören würde. Ja, das würde sie tun und sie wäre sehr stolz darauf. Ob die Narben nicht schmerzen würden und wie sie entstanden wäre, wollte ich wissen. Was sie getan hätte, dass sie so bestraft worden war. Sie lächelte. Nein. Sie würden nicht schmerzen, aber es wäre sehr schön gewesen, als sie sie erhalten hätte. Es wäre ein Geschenk gewesen. Es hätte sehr wehgetan, aber sie hätte es genossen. Dann nahm sie meine Hand und ließ mich mit dem Finger über diese weißen Striche fahren. Es war mir sehr peinlich und ich lief fort.“
Clemens sieht aus, als hörte er das zum ersten Mal. Er flüstert mit seinem Anwalt.
„Was geschah dann, Herr Zorn?“
„Mein Vater heiratete Yvette und sie war unsere Stiefmutter. Gregor fand sie hinreißend. Er hatte gerade die Mädchen entdeckt und Yvette gleich dazu. Er starrte sie immerzu an. Und er beobachtete sie im Bad. Sie wusste das. Sie lachte immer, wenn sie ankündigte, ein Bad zu nehmen. Dann ging ich in den Garten und Gregor sah durch das Schlüsselloch. Bis mein Vater eines Tages früher nach Hause kam und Gregor dabei erwischte. Er bekam die Tracht Prügel seines Lebens, mit dem Stock, mit dem er sonst Yvette schlug.
Sie ging zu ihm ins Zimmer, als er striemenüberzogen auf seinem Bett lag und forderte ihn auf, zu masturbieren. Als er das nicht wollte, tat sie es für ihn.“ Robert räuspert sich. „Die Tür stand offen und ich sah, was sie tat.“
„Sie masturbierte ihren Stiefsohn.“
„Genau so war es. Mein Vater ließ sie von da an links liegen. Sie schlief in ihrem eigenen Schlafzimmer und er richtete noch nicht einmal das Wort an sie. Sie ging jetzt oft in Gregors Zimmer und immer schloss sie die Tür hinter sich. Ich konnte nur vermuten, was sie dort taten. Und eines Tages kam sie in mein Zimmer und verlangte, ich solle mich ausziehen. Ich war so schüchtern und verschreckt, dass ich tat, was sie sagte. Und dann berührte sie mich und sagte, es würde ganz wunderbar werden, wenn ich älter wäre. Sie manipulierte an mir herum und ich stand da wie versteinert. Meine Stiefmutter berührte mich dort. Es war furchtbar.“
Clemens springt auf. „Mein Gott. Das habe ich nicht gewusst.“ brüllt er unbeherrscht. Sein Anwalt bringt ihn dazu, sich wieder zu setzen. Clemens ist ganz aufgewühlt.
„Das stimmt. Er hat es nicht gewusst. Ich habe es nie jemandem gesagt, bis heute.“ sagt Robert und sieht auf.
„Was geschah dann?“ Der Staatsanwalt ist völlig aus dem Konzept. Eigentlich wolle er hören, dass Clemens Yvette quälte. Aber das, was er nun hört, geht im völlig gegen den Strich.
„Mein Vater gab uns in ein Internat, es war ihm wohl zu gefährlich, zwei heranwachsende Jungs mit erwachender Sexualität mit Yvette alleine im Haus zu lassen. Er konnte ja nicht ahnen, dass die Gefahr von Yvette ausging. Sie hatte nichts anderes im Kopf, als sich mit Gregor zu vergnügen. Es schien im Spaß zu machen, was Yvette mit ihm im Zimmer tat. In den Ferien musste ich flüchten und ich war oft bei der Familie Zorn mit ihren beiden Söhnen. Ich sprach mit Gisbert Zorn und schilderte ihm die Familienverhältnisse. Was Yvette tat, ließ ich aus. Ich hätte niemals darüber gesprochen, so habe ich mich geschämt. Dann gab es ein Gespräch zwischen Zorn und meinem Vater. Ich weiß nicht, was sie besprochen haben, aber Vater rief mich danach zu sich und stellte es mir frei, zu den Zorns zu gehen. Von ihm kam sogar der Vorschlag mit der Adoption. Ich hatte immer den Eindruck, ich wäre sein Lieblings-Sohn. Und dass er mich fort geben wollte, weil es mein Wunsch war, war für mich ein Beweis seiner großen Zuneigung zu mir.“ Er sieht dabei Clemens an, der jetzt komplett versteinert ist.
„Sie änderten sogar Ihren Vornamen.“
„Ja. Einer der Zorn-Söhne hieß Frank. Deshalb suchte ich mir den Namen Robert aus. Wir hatten einmal einen Butler dieses Namens. Ich mochte ihn sehr und es erschien mir passend.“
„Hatten Sie danach noch Kontakt zu Clemens Vandenberg?“
„Nicht persönlich. Aber er schrieb mir jede Woche einen langen Brief. Fast dreißig Jahre lang.“ sagt er und er hört sich an, als sei seine Nase verstopft.
„Würden Sie uns sagen, was drin stand?“
„Nein. Das ist persönlich und hat mit dieser Verhandlung absolut nichts zu tun.“
„Aha. Würden Sie sagen, anhand dieser Briefe, dass ihr Vater ihnen noch zugetan war?“
„Absolut, ja.“
„Hatten Sie danach Kontakt zu Yvette Vandenberg?“
„Nein. Nie.“
„Und zu ihrem Bruder Gregor?“
„Natürlich. Nachdem ich die Geschäftleitung der Zorn-Werke aus persönlichen Gründen abgab, kümmerte er sich um mich und gab mir eine Aufgabe.“
„Ah. Danke, Herr Zorn.“ Der Staatsanwalt sieht den Richter an.
„Hat jemand noch Fragen?“ Er sieht die Anwälte an.
„Nein. Vielen Dank, Herr Zorn. Sie sind entlassen.“

Robert steht langsam auf und als er an Clemens vorbei geht, deutet er eine leichte Verbeugung an. Mir bleibt der Mund offen stehen. Das war eine Respektsbezeugung. Niemals hätte ich das erwartet. Clemens auch nicht, denn er schaut Robert verdattert hinterher, als der den Gerichtssaal verlässt. Niemandem ist das entgangen, und der Staatsanwalt starrt den Richter an und ein Murmeln geht wieder durch den Saal. Der Richter bittet um Ruhe. Die nächste Zeugin wird aufgerufen. Yvette Vandenberg. Mir stockt der Atem. Jetzt endlich werde ich die Frau sehen, die alle Leben zerstört hat. Die Wahnsinnige.
Clemens schaut zum ersten Mal zu mir herüber und seine braunen Augen blicken mich zärtlich an. Ich schlage den Blick nieder. Yvette kommt herein, eine attraktive Frau in einem braunen Hosenanzug, hohen Pumps und hochgeschlossener Bluse. Sie hat ihr rotes Haar aufgesteckt und sieht sehr sympathisch aus. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Sie nimmt auf dem Stuhl Platz, wo Robert gesessen hatte.

Der Zirkel ist erhältlich als Ebook bei amazon.de und epubli.de

Donnerstag, 20. Juni 2013

Auszug aus Normaus




Ich öffne die Haustür und sehe einen Polizeiwagen vor meiner Tür stehen. Zwei Polizisten, einer männlich, einer weiblich, haben gerade bei mir geklingelt.
Ich laufe über die Straße. Ich weiß, was sie mir mitteilen wollen.
„Frau Schmied? Sind Sie Nora Schmied?“ fragt die Polizistin.
„Ja.“
„Frau Schmied, dürften wir einen Moment hereinkommen?“
„Sicher.“ ich öffne die Haustür und lasse sie eintreten. Die jungen Beamten sehen sehr ernst aus. Und sehr überfordert. Wahrscheinlich ist es da erste Mal, dass sie so etwas tun.
„Frau Schmied.“ Die junge Polizistin hat sich mit mir im Wohnzimmer hingesetzt. Sie sieht so aus, als würde sie mich am liebsten umarmen.
„Wir haben eine schlechte Nachricht für Sie.“ Sie strafft die Schultern.
„Ihr Mann ist heute Morgen tot aufgefunden worden. Im Novotel an der Kanalstraße. Er hat sich allem Anschein nach erschossen.“
„Ein kalter Abgang.“ murmele ich.
„Bitte?“
„Man nennt es einen kalten Abgang, wenn ein Gast im Hotelzimmer verstirbt. Wussten Sie das?“
„Frau Schmied, könnten Sie ihn identifizieren?“
„Er hat sich doch erschossen. Ist denn da noch etwas, was ich wieder erkennen könnte?“ frage ich sachlich.
„Ich mache das.“ sagt Leo. Er hat sich angezogen, trägt eine Rollkragenpullover und eine Lederjacke mit Fellkragen. „Ich bin sein Freund. Ich kenne ihn seit Jahren. Oder ich kannte ihn.“ sagt er ebenso sachlich wie ich. „Ich bin Dr. Leonhard.“ Er hält der Polizistin die Hand hin, die sie zögernd ergreift. Leo ist hier, weil er wohl den Polizeiwagen gesehen hat. Er hat schon wieder meinen Schlüssel benutzt.
„Könnten Sie mitkommen?“
„Sicher.“
„Ich werde es tun. Er ist mein Mann, Leo.“
„Sie begleiten Frau Schmied besser.“ sagt die Polizistin etwas erleichtert.
„Wo ist er?“
„Gerichtsmedizin.“
„Ich weiß, wo das ist. Ich fahre mit Frau Schmied sofort dahin.“
Ich bin völlig gefühllos. Als befände ich mich in einem Vakuum. Ich steige in Leos Wagen, in den Sachen, die ich eben angezogen habe. Ohne BH, den habe ich im Schlafzimmer nicht gefunden. Leo sagt gar nichts, sondern presst nur die Lippen aufeinander.
„Ist es nicht ungewöhnlich, dass es Ende März derart schneit?“ sage ich verwundert, als wir durch die Stadt fahren.
Es ist nicht so schlimm, wie ich erwartet habe. Sie haben ihn komplett in grüne Tücher gehüllt, nur sein Gesicht guckt heraus. Es sieht friedlich aus. Er hat die Waffe an die rechte Schläfe angesetzt, deshalb ist alles andere unversehrt. Die Ausschlussöffnung sieht man nicht.
„Ja.“ sage ich. Dann ergreife ich Leos Hand und er bringt mich wieder zum Wagen. Ich habe nicht viel mitbekommen, wie in Trance.
„Er ist Linkshänder.“ sagt Leo, als wir den Gürtel Richtung Nachhause fahren.
„Ja.“
„Er ist Linkshänder. Verstehst du, was ich damit sagen will?“
„Ja. Verdammt. Es war kein Selbstmord.“
„Oder es ist nicht Werner. Stefan ist Rechtshänder.“
„Oder es ist ein böser Traum.“
„Mein ganzes Leben ist ein böser Traum.“ sagt Leo.
Ich sitze in meinem Wohnzimmer. Der Garten sieht genauso aus wie im Januar, als ich Florian mit den Amerikanern gesehen habe. Tief verschneit. Wie ein Deja-Vu.
  „Nora? Alles in Ordnung?“ Leo hat seine Jacke ausgezogen und steht an der Tür zum Flur.
„Ja. Alles gut.“ Ich lächele ihn an.
„Alles gut?“
„Ja. Alles in Ordnung. Komm her, Leo.“
Er setzt sich neben mich und legt den Arm um meine Schultern. Er riecht sehr gut.
Ich habe immer Wert darauf gelegt, dass Männer gut riechen.
„Leo? Mach, dass dieser Alptraum aufhört, ja? Ich will ein normales Leben. Ist das denn so schwierig? Andere haben das auch.“
„Was ist denn ein normales Leben?“
„Mein Mann liebt mich, ich liebe ihn, ich gehe nur den halben Tag ins Büro, damit ich mich um unser Kind kümmern kann, wenn es aus der Schule kommt. Wenn es nicht schlafen kann, darf es zwischen uns liegen, und sonntags gehen wir manchmal in den Zoo. Und wenn wir in Urlaub fahren, fahren wir mit dem Auto nach Holland in unser Ferienhaus. Ich werde ihm bei den Hausaufgaben helfen und sie hat ein Barbie-Puppenhaus, mit dem wir spielen. Und ihr Vater wird ihr das Radfahren beibringen. Wenn sie Geburtstag hat, lädt sie ihre Freundinnen ein und ist stolz auf ihren Papa, und ich bin stolz auf meinen Mann, der mir diese Familie gegeben hat. Das ist ein normales Leben.“
„Hört sich gut an. Habe ich aber leider nicht zu bieten. Tut mir leid. Ich habe ein Kind mit einer Verrückten und es ist noch nicht einmal meins. Ich schiebe es bei jeder Gelegenheit ab, die mir auch nur entfernt gefährlich vorkommt. Ich schlafe mit der Frau meines besten Freundes, weil ich sie liebe. Er hat sich gerade erschossen, oder auch nicht. Ich bin nicht sicher. Sie ist schwer traumatisiert und ich kann ihr nicht helfen, diese Last von ihr zu nehmen.“ Er streicht mir die Haare aus dem Gesicht. „Dazu kommt, dass ich eine sexuelle Vorliebe habe, die sie nur ungern erfüllt. Nicht zu vergessen, dass ich einen Haufen Menschen auf dem Gewissen haben. Ich bin also der letzte Mann, den du bitten solltest, dir ein normales Leben zu bieten, Nora. Ich kann mich nicht so verstellen, wie Werner das kann. Ich kann nicht zwei vollkommen unabhängige Leben führen, wie er das macht. Unten ist er der skrupelloseste Mann, den ich kenne und hier der zärtliche, joviale Mann, der seine Frau glücklich macht. Ich kann das nicht. Ich habe nur eine Persönlichkeit.“
„Wie schön. Schlaf mit mir, Leo. Jetzt gleich.“
„Nein.“ Er rückt von mir ab.
„Du willst mich nicht mehr. Siehst du, ich habe es dir gesagt.“
Ich stehe auf und gehe nach oben ins Bad. Ich muss unter die Dusche, denke ich. Ich habe eben einen Toten gesehen. Ob es mein Mann war, ist unerheblich. Ich fühle mich beschmutzt vom Anblick des Todes. Ich ziehe mich aus und lasse das warme Wasser über mich laufen. Und dann drehe ich es auf kalt, damit ich mich wieder fühlen kann. Ich schnappe nach Luft. Ich wickle  mich in mein Badetuch und gehe wieder ins Schlafzimmer. Ich trockne mich ab und berühre mich zwischen den Beinen. Ich würde so gerne Leo dort fühlen. Aber der will ja nicht. So, wie ich es vorher gesagt habe. Wenn sie es wissen, bin ich uninteressant. Ich lege mich ins Bett und streichle mich selbst bis zum Höhepunkt. Aber es erleichtert mich nicht. Es ist nicht schön, wenn ich es selbst tue. Ich habe die Augen geschlossen, die Decke über mir und will einfach nur noch weg. Aus meinem Körper, aus meinem Leben.
„Geht es dir jetzt besser?“ fragt Leo. Er hat mich die ganze Zeit dabei beobachtet.
„Nein.“ Ich sehe ihn trotzig an. Wie kann er es wagen, mich dabei zu beobachten.
„Willst du es haben?“ Er zieht sich den Pullover über den Kopf und streift seine Jeans ab. „Du willst es haben? Du kriegst es.“
„Leo, das geht nicht. Wie sieht das aus? Da muss doch furchtbar wehtun.“
„Ja. Tut es. Du warst das, weil ich es wollte.“
Sein Geschlecht sieht schlimm aus. Komplett rot, der ganze Bereich, und am schlimmsten sieht die Eichel aus. Es kann doch nicht wirklich sein, dass er jetzt mit mir schlafen will. Er schlüpft zu mir unter die Decke und schiebt mir rücksichtslos die Zunge in den Mund. Ich wehre ihn ab. Ich will ihm nicht weiter Schmerzen bereiten. Das sieht er anscheinend anders. „Mach die Beine auseinander.“ befiehlt er und als ich nicht reagiere, biegt er selbst meine Oberschenkel auseinander und dringt in mich ein. Er stöhnt vor Schmerz und seine Beine zittern. Sein ganzer Körper ist schweißbedeckt. Es muss furchtbar für ihn sein. Er macht es ganz langsam, damit es lange dauert. Er will sich selbst bestrafen, denke ich.
„Hör auf, Leo.“ Ich will ihn wegschieben, aber er drückt meine Handgelenke auf die Matratze und hält mich mit seinem Oberkörper fest. Er liegt schwer auf mir. Ich kann nicht weg.
„Leo, ich will das nicht.“ schreie ich.
Sofort zieht er sich zurück. „Eben wolltest du das doch?“
„Ja. Aber sieh dich an, wie du leidest. Ich will das nicht, dass du so leidest.“
„Es ist das größte für mich.“
„Ja. Du bist krank, Leo. Wie kann man das wollen?“
„Weil ich schlecht bin.“ Er setzt sich auf das Bett. „Ich bin schlecht.“
„Du hast gesagt, sich auszuliefern hat mit Vertrauen zu tun. Ich finde, hier ist die Grenze erreicht. Das hat mit Verantwortung zu tun, Leo. Bitte. Überschreite die Grenze nicht.“
„Du fühlst dich für mich verantwortlich?“
„Ja. Das tue ich. Ich habe das getan. Und jetzt reicht es.“
Er sitzt breitbeinig auf dem Bett. Er hat immer noch eine Erektion und es sieht furchtbar aus. Wenn ich es ansehe, durchzuckt mich ein Schmerz, der sich von meinen Lenden bis zu den Fußspitzen zieht.
„Nimm ihn in den Mund. Bitte.“ sagt er.
„Das kann ich nicht. Verlang das nicht von mir. Ich werde ihn dir eincremen. Ich habe etwas gegen Sonnenbrand da. Hoffentlich hilft das.“
„Du wirst ihn in den Mund nehmen.“ sagt er und er Kasernenhofton ist plötzlich wieder da.
„Niemals. Was redest du denn da?“
Er zieht mich an den Haaren in seinen Schoß. „Ich bin schuld daran, dass er tot ist. Und du wirst mich dafür bestrafen.“
„Du bist völlig irre.“ Es tut weh, wie er meine Haare um die Hand gedreht hat. Ich kann seinen Schwanz mit dem Mund berühren, aber ich habe ihn fest verschlossen.
Er greift jetzt mit der anderen Hand in mein Haar. „Mach jetzt.“ befiehlt er.
Ich öffne zögernd meinen Mund. „Lass mein Haar los.“
Er lockert seinen Griff.
„Du bist nicht devot. Du bist krank.“ Ich nehme ihn in den Mund. Er fühlt sich ganz wund an. Schrecklich. Es ist schrecklich für mich.
„Mach fester. Bitte, Nora.“
„Ich kann das nicht. Ich kann nicht, Leo.“ Ich setzte mich auf.
„Gut. Dann sieh mir zu.“ er fängt an, sich zu streicheln. Sein Gesicht ist schmerverzerrt. Ich fange an zu weinen, aber ich sehe ihm in die Augen. Und auf einmal sehe ich Tränen. Ihm laufen die Tränen über das Gesicht, aber er hört nicht auf. Ich lege meine Hand auf seine Wange, aber er hört nicht auf.
„Hilf mir, Nora. Bitte.“ sagt er.
Er legt meine Hand um seinen Schwanz und seine Hand über meine. Er bewegt meine Hand. Ich habe sie einfach nur dort liegen. Aber es tut sich nichts. Im Gegenteil. Er wird kleiner und schlaffer.
„Er versteht mich.“ sage ich und ziehe meine Hand weg. Ich krieche aus dem Bett und gehe ins Bad, um die Tube mit der Creme zu holen. Ungeheuerlich, was Leo da macht. Er sitzt noch so da, als ich zurück komme. „Nimm die Hand weg.“ sage ich.
Ich creme ihn vorsichtig ein. Wie kann man das nur aushalten. Leo zuckt noch nicht einmal.
„Du hast das getan, um mich von dir fern zu halten.“ sagte ich und schraube die Tube wieder zu. Er nimmt sich ein Taschentuch vom Nachttisch und schnäuzt sich.
„Nein.“
„Du wirst es erst wieder bekommen, wenn er wieder in Ordnung ist. Bis dahin wirst du dich nicht berühren, hast du mich verstanden?“
„Ja, Nora.“ Er lächelt leicht.
„Du bist wirklich nicht Herr deiner Sinne, weißt du das? Es wird Zeit, dass jemand auf dich aufpasst. Wie pinkelst du denn? Das muss doch höllisch wehtun?“
„Das geht schon.“ Er sieht mich aufmerksam an. „Du willst auf mich aufpassen?“
„Du selbst kannst es ja scheinbar nicht. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, dächte ich, ich hätte einen Idioten vor mir. Wie kann man so etwas tun? Hat dir nicht gereicht, dass ich dich so verletzt habe?“
„Du willst wirklich auf mich aufpassen?“ Etwas anderes hat er wohl gar nicht mitbekommen. Das ist das einzige, was ihn interessiert. Nora übernimmt Verantwortung für ihn.
„Hat das noch niemand getan? Was hat denn Clara getan?“
„Nicht das, was du gerade getan hast.“
„Gut. Zieh dich jetzt an. Ich mache uns was zu Essen.“
„Du willst jetzt essen?“
„Zu hungern macht ihn auch nicht wieder lebendig.“
„Du würdest eine gute Soldatin abgeben.“
„Ja. Ich schieße auf den Feind und flicke ihn dann wieder zusammen.“
Leo zieht sich an, ich ziehe mich an. Ich sprühe mir ein bisschen Deo unter die Arme und kämme mich im Bad.
„Ich werde dich da komplett heraushalten, wenn du willst. Ich habe eine Wohnung in Hamburg.“
„Wie schön. Ich bleibe hier. Das hier ist meine Wohnung. Wann soll ich denn zurückkommen? Wenn alle tot sind?“
„Wir müssen Florian sagen, was passiert ist.“
„Ja. Das sollten wir. Und wenn er es gewesen ist? Hast du dir das schon einmal überlegt?“
„Hast du dir überlegt, warum Werner im Hotel wohnen sollte? Warum ist er nicht zu Florian gefahren? Wer würde im Hotel wohnen? Doch nur jemand, der hier keine Wohnung hat.“
„Es ist Stefan, willst du sagen.“
„Da verwette ich meinen Schwanz drauf. Auch, wenn ich mit ihm im Moment keinen Blumentopf gewinnen kann.“
„Ich könnte dir nicht weiterhelfen, wenn du mir erzählen würdest, was passiert ist?“
„Nein.“
„Wer ist der Unbekannte? Es muss noch jemand dabei gewesen sein. Ihr seid alle zurückgekommen. Also gibt es noch einen. Glatt war nämlich Weihnachten in Deutschland.“
„Du bist ganz schön schlau.“ er lächelt stolz.
„Kenne ich ihn?“
„Nein.“
Wir gehen nach unten in die Küche und Leo vergräbt sein Gesicht in meinem Haar. „Ich wollte dir nicht wehtun. Entschuldige.“
„Ist schon gut, Leo. Aber das kommt nicht mehr vor.“
„Deine Haare sind tabu.“
„Das meine ich nicht.“
„Komm, wir fahren zu Florian und gehen dann essen. ich war noch nie mit dir irgendwo.“
„Ja. Lass uns Werners Tod feiern. Wenn uns jemand sieht?“
„Mir ist es schon immer egal gewesen, was die Leute von mir halten.“
„Dir ist nur wichtig, dass ich mich für dich verantwortlich fühle.“
„Ja. Das ist ein schönes Gefühl.“ Er berührt sanft meine Brüste.
„Das ist auch ein schönes Gefühl.“
„Es wird ein paar Tage dauern, bis ich mit dir schlafen kann. Aber bis dahin habe ich den Schmerz und ich weiß, dass du das für mich getan hast. Das ist schön, Nora.“
„Ich hätte nicht erwartet, dass es so schlimm wird. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht. Aber bei dir ist es so schlimm. Wie kommt das?“
„Durch das Entwachsen.“
„Das muss ja höllisch sein. Warum tust du das?“
„Es fühlt sich nachher gut an. Willst du es bei mir machen?“
„Du spinnst wohl. Dann ist die Haut mit weg. Ich habe mir einmal die Beine gewachst. Nie wieder, sage ich dir. Sarah musste kommen und mir den Rest wegmachen. Ich konnte mich nicht überwinden, an dem Tuch zu ziehen.“
Er lacht. „Du bist so süß, Nora. Welche Frau erzählt schon, wie sie sich die Beine enthaart?“
„Ich kann es dir mal zeigen. Mit einem Epilierer. Ich wette, da hättest du Freude dran. Am Knöchel ist es besonders schön.“
Alle Rechte bei www.kolbach-susanne.de

Samstag, 8. Juni 2013

Rolf



Er saß in seinen Gästezimmer auf dem Bett, nackt, hatte den Rücken an die Wand gelegt, die Hände auf dem Bauch gefaltet und lauschte auf die Worte, die Silke sprach. In heiserem Tonfall sagte sie gerade, dass sie noch nie  auf diese Art mit ihrem Mann zusammen gewesen sei und dass er, Rolf, so verführerisch roch. Silke lag neben ihm, hatte ihr Gesicht an seine Seite gepresst und streichelte seinen Schenkel. Er starrte in die Dunkelheit und wusste nicht, was er sagen sollte.

Sie hatten sich gerade geliebt, wenigstens hatte er es versucht. Er war in sie eingedrungen, in ihre so verführerische, feuchte Weichheit, er hatte es ausgekostet, in Zeitlupe quasi, sie streichelte dabei sein Haar und stöhnte bei jedem seiner langsamen Stöße. Und dann hatte ihn das Glück einer kräftigen Erektion verlassen, von einer Minute auf die andere. Sie hatte nichts dazu gesagt, sie küsste ihn und wühlte in seinem Haar, dann legte er sich neben sie und sie küsste seine Schulter. Sie wollte etwas trinken, es war ein warmer Tag und er stand auf und reichte ihr ein Glas Wasser und steckte ihr, nachdem sie einen Schluck genommen hatte, eine Erdbeere in den Mund. Dann setzte er sich auf das Bett und sie kuschelte sich an ihn.

Ihre Stimme war unangenehm, sie war seit Monaten von Heiserkeit geplagt, hatte sie erzählt, der Arzt wüsste nicht, woher das käme und sie hatte gelacht und gesagt, es käme aus ihrem Kopf und sie wäre ein wenig verrückt, aber er hätte das sicher schon gemerkt. Er hatte nichts dazu gesagt, er hätte gar nicht gewusst, was er sagen sollte. Er wusste überhaupt nicht, wie er mit ihr reden sollte. Sie war so sprunghaft, sie machte Scherze, die er nicht verstand, sie versuchte, mit ihm zu flirten und er konnte das nicht. Er konnte überhaupt nicht mit ihr umgehen. Das einzige, was er konnte, war ihren Körper zu genießen, sie an sich zu drücken und sie zu berühren. Doch, er sagte manchmal, sie habe einen schönen Körper. Aber nie konnte er ihr sagen, er freue sich, sie zu sehen, er habe sich nach ihr gesehnt. Wenn er ihr sagen würde, dass er sie mochte, könnte sie das falsch verstehen und mehr von ihm erwarten, als er ihr geben wollte.

Sie war seine Geliebte, sie kannten sich seit ein paar Monaten, hatten sich aber selten getroffen. Und wenn er sich herabließ, ihr einen Termin zuzuteilen, der absolut sicher war vor einer eventuellen Entdeckung, kam sie wie ein Erdbeben über ihn in ihrer Präsenz, in ihrem Lachen, Gezwinker und ihren Worten, die er nicht verstand. Er verstand sie wohl sprachlich, aber Silke war ihm ein komplettes Rätsel. Was fand sie wohl an ihm, einem reizlosen, wenig charmanten, zehn Jahre älteren Mann, der sie nicht verstand? Sie sagte ihm das häufig, aber trotzdem kam sie immer wieder zu ihm, begeistert über seine Zärtlichkeiten. Sie sah ihm dann tief in die Augen und er befürchtete jedes Mal, sie würde ihm jetzt eine Liebeserklärung machen.

Er wusste genau, wonach sie sich sehnte. Sie hatte es ihm mehrfach erklärt und sie hatte gesagt, er könne ihr einen Teil davon geben, obwohl sie nicht wusste, wie er es machte. Er wusste es auch nicht und sah sie dann verwundert an. Er sei im Grunde nicht ihr Typ, sie mochte große, kräftige Männer, er war das nicht und er hatte die Augen zusammengepresst, als sie ihm das sagte, und es entlockte ihm nicht mehr als ein „Aha.“ Er ärgerte sich darüber. Er hatte eine Ahnung, dass er viel verpasst hatte mit Mitte Fünfzig, er wusste nicht genau, was das war, aber sie gab ihm eine ungefähre Vorstellung davon.

Er hätte sich ändern können, gewiss. Aber er sah keine Veranlassung dazu, zumal sie das auch nicht von ihm forderte, wie alle andern Frauen vor ihr. Genau das machte ihn misstrauisch. Sie nahm ihn genauso, wie er war, in seiner sachlichen, unterkühlten Art, die nur manchmal, ganz selten, durchbrochen wurde von seinen Gefühlen, seinen Sehnsüchten, es sollte anders sein. Dann schrieb er ihr, er freue sich darauf, seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse befriedigen zu können, wenn er sie sah.

Einmal kam eine Mail von ihr, die ihn geradezu in Panik versetzte. Das war ganz am Anfang. Sie schrieb, ihr Leben sei schrecklich und sie wünschte sich eine Umarmung. Das wollten Frauen nie ausschließlich,  dachte er, und als sie mitgeteilt hatte, was denn so schrecklich war, schrieb er ihr zurück, er könne sich ihre Probleme nicht auch noch aufhalsen, er hätte selbst genug davon und er hätte es sich überlegt, das wäre alles zu schnell gegangen mit ihnen und er denke, es sei besser, sie nicht mehr zu sehen. In dem Moment, als er die Nachricht abschickte, fühlte er sich unbehaglich und wie ein Arschloch, er hatte nur die Wahrheit gesagt und er hatte eine vage Vorstellung davon, was sie empfinden würde, wenn sie das las. Er konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit und jedes Mal, wenn er aufblickte von seinem Bildschirm, hatte er ihren verträumten, zärtlichen Blick vor Augen, mit dem sie ihn anzusehen pflegte.

Unterkühlt, ganz gegen ihre Art, hatte sie zurück geschrieben, er habe sie tief verletzt und sie wollte nur ein Wort des Trostes und des Mitgefühls lesen, mehr habe sie gar nicht gewollt. Keine Anrede, keiner ihrer entzückenden Grüße, in denen sie eines seiner Körperteile küsste oder ihn umarmte. Er hatte dann eine ganze Woche überlegt, er konnte sich vorstellen, wie sie fassungslos vor dem Bildschirm gesessen hatte, aber er konnte ihr nicht mehr geben und es war besser sich zu schützen, bevor sie ihn ganz mit Beschlag belegte.

Aber dann hatte sie nach einer Woche geschrieben, sie wollte ihn wieder sehen und erleichtert hatte er geantwortet, er sie auch und er hätte die ganze Zeit an sie gedacht. Er hatte sich sogar auf seine eigene Art für seinen unverschämten, verletzenden Ausfall entschuldigt, immerhin habe er seit Jahren keinen Sex gehabt und es hatte nur wenig Frauen in seinem Leben gegeben. Sie würde das schon verstehen, Silke war eine Frau, die zwischen den Zeilen lesen konnte, da war er völlig sicher.

Alles, was ihn aus dem Alltag brachte, war ihm zuwider. Er mochte geregelte Abläufe, deshalb mochte er auch seine Frau. Sie ging morgens aus dem Haus und kam erst abends zurück. An diesem Tag war sie bei einer Verwandten und würde erst am Sonntag zurück sein, deshalb konnte er Silke heute am Samstagabend gefahrlos empfangen.  Er hatte dieses Treffen wochenlang geplant, hatte Sekt und Erdbeeren gekauft, er hatte sich überlegt, wie er sie liebkosen würde. Und dann kam sie und brachte ihn völlig aus dem Konzept.

Wenn sie doch nicht immer sagen würde, wie toll sie ihn fand! Er glaubte ihr nicht, er konnte nicht beurteilen, ob sie das ernst meinte, wenn sie ihm mit treuherzigem Augenaufschlag über die Wange strich und sagte, sie wollte, dass er heute nur ihr gehörte und auf seinem wundervollen Penis stünde heute ihr Name drauf. Sie sagte ständig solche Dinge. Zuerst hatte er ungläubig geantwortet, das hätte noch keine Frau zu ihm gesagt. Sie hatte dann gelächelt und ihn geküsst. Er hatte es sich wunderbar vorgestellt, neben seiner reizlosen Frau noch eine aufregende Geliebte zu haben, jetzt hatte er eine und war erstaunt, dass sie Gefühle hatte, anscheinend auch für ihn, dass sie darüber sprach und eine Reaktion von ihm erwartete.

Er konnte noch nicht einmal sagen, ob er mit seiner Gefährtin 10 oder 15 Jahre zusammen war, er wusste es einfach nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig. Es war ihm gleichgültig, wer das Haus in Ordnung hielt oder ihn zum Essen rief. Da war jemand und er war nicht ganz alleine, das hätte ihn verrückt gemacht.

Als er Silke zu ihrem Wagen gebracht hatte, beseitigte er die Spuren ihres Besuches und ging zu Bett. Er war sehr müde und hatte sie gerade vertrieben, sie hatte es bemerkt, dass er sie loswerden wollte und sie hatte gegrinst und ihn in die Wange gekniffen. Sie küsste ihn nicht zum Abschied, weil er sie darum gebeten hatte und sie hatte ihm die Hand gereicht und ihn förmlich mit seinem Nachnamen angeredet, als sie sich verabschiedete. Er lag noch lange wach und hatte ihren Duft in der Nase und fühlte ihre Hand auf seinem Oberschenkel, eine Stelle, die noch nie absichtlich gestreichelt worden war und er wunderte sich darüber, bis ihn der Schlaf überkam.

Am Sonntag holte er seine Frau vom Bahnhof ab, sie begrüßte ihn ohne Lächeln, mit einem flüchtigen Kuss und mit einem prickelnden Gefühl im Nacken erinnerte er sich daran, wie er gestern Silke geküsst hatte, sehnsüchtig und zärtlich, wie sie geschmeckt hatte nach einem Fruchtkaugummi, das sie danach in seinen Mülleimer gespuckt hatte, als sie sich unbefangen in der Wohnung bewegte, auf der Suche danach.

Im Wagen ärgerte er sich darüber, dass nicht Silke neben ihm saß und ihm etwas erzählte, womit er gar nichts anfangen konnte, weil er es nicht kannte. Sie hatte Freude im Leben, etwas, das ihm völlig unbekannt war. Gestern hatte er zum ersten Mal mit ihr gelacht und sie hatte es bemerkt und etwas dazu gesagt. Sie freute sich darüber, dass er lachte. Ihm hatte auf der Zunge gelegten „Das hat noch keine zu mir gesagt“ zu sagen, aber er konnte es sich noch rechtzeitig verkneifen und hatte ihren Mund mit einem Kuss verschlossen, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte und ihm danach war, ihre Zunge mit seiner zu berühren.

Gestern hatte sie ihm nicht nur mitgeteilt, dass er nicht ihr Typ sein, sie hatte auch gesagt, sie könne es sich nicht vorstellen, mit ihm zu leben, weil er so seltsam sei. Das wusste er selbst, aber er brachte es nicht fertig, über seinen Schatten zu springen und so herzlich zu ihr zu sein, wie sie es verdiente. Er sah sehr wohl Sehnsucht in ihren Augen und eine latente Traurigkeit, die auch ihr Lächeln nicht übertünchen konnte. Aber anstatt darüber nachzudenken, was Silke   geben konnte, dachte er jetzt darüber nach, was seine Frau wohl an ihm fand (eine Frage, die  er sich noch nie gestellt hatte) und er sah sie verstohlen von der Seite an.

Als Kerstin ihre Tasche ins Schlafzimmer gebracht hatte und sich in der Küche einen Kaffee machte, stand er an der Tür und betrachtete ihre Rückseite und musste daran denken, wie Silke hier gestern nackt gestanden hatte, ihr Kaugummi ausgespuckt hatte und ihn danach umarmte. Er hatte ihr dann zwischen die Beine gefasst, fast ehrfürchtig ihre Scham gestreichelt und sich gedacht, sie muss doch merken, dass mir das völlig fremd ist. Sie muss das doch merken! Aber sie drängte sich einfach an ihn und führte seine Hand dorthin, wo sie es schön fand und stöhnte leise in sein Ohr (das sie auch faszinierend fand, wie so vieles an ihm, deshalb musste es einfach gelogen sein).

„Wie findest Du eigentlich meine Haare?“ fragte er in die Stille, als Kerstin am Tisch saß und ihre Schuhe ausgezogen hatte.
„Deine Haare?“ fragte sie zurück und unterzog ihn einer Musterung. „Was soll damit sein?“
„Nichts. Ich frag nur.“ antwortete er und hätte sie gerne geschlagen für ihre Gleichgültigkeit.
Nie hatte sie gesagt, was sie an ihm gut fand, in den letzten 10 oder 15 Jahren nicht, er war sich da ja nicht ganz nicht sicher. Ob sie überhaupt etwas an ihm gut fand? Niemand hatte etwas in der Art gesagt, wie Silke das tat. Vielleicht war das ganz normal und er hatte immer unnormale Frauen gehabt? Oder vielleicht war er nicht normal? Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er ging nach oben in sein Büro, weil das üblich war und Kerstin das so von ihm kannte.

Silke hatte ihm geschrieben, eine lange Mail, sie hatte im Garten gearbeitet und geduscht, weil sie so dreckig dabei geworden war. Er stellte sich vor, wie sie nackt aus der Dusche kam, dann fühlte er eine Erektion, er positionierte sein Handy, schaltete die Kamera ein und begann, zu onanieren für Silke, der sein Schwanz gehörte, für Silke, die seinen Körper und seinen Duft so anziehen fand und für Silke, die ihn so oft wünschen ließ, er sei ein klein wenig anders. Er weinte dabei, er kam sich plötzlich armselig vor und fühlte sich unglücklich und bedürftig nach etwas, das nur sie ihm geben konnte und von dem er nicht genau wusste, was das war. Dann schloss er seine Hose wieder, wusch sich die Hände, bearbeitete die Datei, bevor er sie ihr schickte.

Er wollte etwas Sinnliches und Liebevolles dazu schreiben, aber ihm fiel nichts ein und so schrieb er: „Ich musste sie komprimieren, sie hatte 30 MB, das war zuviel. Kuss, Rolf.“
Er wusste genau, darüber würde sie sich ärgern, aber er konnte nicht aus seiner Haut. Und als Kerstin von unten rief, ob er Hunger habe, schaltete er seinen Rechner aus und ging nach unten.

So weit verstand er die Frauen schon. Diese Frage bedeutete, das Essen ist fertig. Er nahm am Tisch Platz und Kerstin stellte wortlos seinen Teller vor ihn und beide fingen an zu essen.
Er beobachtete Kerstins Mund dabei und dachte, sie hat nie meinen Penis geküsst, warum nicht? Er stellte sich vor, wie Silke gerade die Datei öffnete an ihrem Laptop an ihrem Schreibtisch, sich umsehend, ob ihr Mann in der Nähe sei. Er dachte an Silkes Lippen und fühlte Sehnsucht nach ihr, er schaufelte das Essen in sich hinein und sagte mit vollem Mund: „Schmeckt gut.“ Kerstin sah ihn erstaunt an, weil er das noch nie gesagt hatte. Er lächelte sie scheu an, und dachte, was würde sie jetzt sagen, wenn sie wüsste, auf meinem Penis steht Silkes Name. Was zum Teufel würde sie dazu sagen?

Es würde ihr gleichgültig sein, er war allen gleichgültig. Nur einer nicht und der konnte er es nicht glauben. Das Leben war ganz schön kompliziert.

Freitag, 7. Juni 2013

Kalifornien 1990



Irgendwann trafen sie sich. Martina konnte es kaum erwarten, ihn endlich persönlich zu sehen. Sie war mit ihm zum Kaffee verabredet, sie wollten beide sehen, mit wem sie sich seit Monaten so wundervoll am Telefon unterhalten konnten. Sie sprachen täglich miteinander, stundenlang konnten sie miteinander lachen und flirten. Zuerst sprachen sie über die offizielle Leitung, er arbeitete bei der Firma, die die neue Software installiert hatte und sie war die Anwenderin, die Probleme damit hatte. Es war ein neues Buchhaltungsprogramm, es unterschied sich so wesentlich von dem bisherigen, dass sich Martina mit vierzig Jahren fragte, ob wie vielleicht zu alt sei, es überhaupt zu verstehen.

Ihr netter Gesprächspartner meldete sich immer mit einem fröhlichen „Cord Jensen“ am Telefon und Martina musste dann immer lachen. Irgendwann fragte er sie, warum, und sie antwortete, bei diesem Namen müsse sie immer an ausgebeulte Hosen denken. Er stimmte in ihr Lachen ein und erklärte ihr, es sei eine Version des Namens Kurt und er wüsste auch nicht, was sich seine Eltern dabei gedacht hatten. Als eine Pause entstand, weil sie warten musste, bis das Programm eine spezielle Anwendung geladen hatte, erzählte sie, was sie am Wochenende unternommen hatte, um überhaupt etwas zu sagen, ihr erschien die Pause unpassend und sie hoffte, er würde ebenfalls etwas erzählen. Sie fand seine Stimme schön, er rollte das „R“ ein wenig und nuschelte ein bisschen, was sie sehr charmant fand. Er erzählte dann, er hätte eine Radtour gemacht mit seiner Frau, es hätte angefangen zu regnen und zwar so sehr, dass sie nicht mehr fahren konnten, weil es unmöglich gewesen sei, etwas zu sehen. Er amüsierte sich so sehr darüber, dass Martina lachen musste, sie wusste gar nicht, warum. Sie war ein wenig enttäuscht, als er ihr erzählte, er sei verheiratet. Gehofft hatte sie, er sei allein stehend und er sei nur so nett zu ihr, weil er sie sehr nett fand.

Nach zwei Monaten macht es ihr nichts mehr aus, dass er nicht mehr frei war, sie selbst war es auch nicht und sie und ihr Mann hatten schon daran gedacht, sich zu trennen, aber niemand mochte den ersten Schritt machen, also blieb es so, wie es war. Ihre Ehe hatte den Charakter einer Wohngemeinschaft und der Anblick des Partners löste nur noch Traurigkeit aus, wenn sie an die schönen Zeiten mit ihm dachte und sie fand den Grund nicht, warum sie sich so auseinander gelebt hatten. Sie hatte ihren Mann einmal geliebt, aber jetzt war da nur noch Gleichgültigkeit. Trotzdem hatte sie ein schlechtes Gewissen, sich mit Cord zu treffen. Martina war eine anständige Frau und ihr wäre es nie im Traum eingefallen, ihren Mann zu betrügen. Das hatte sie auch gar nicht vor, sie wollte Cord Jensen einfach nur einmal sehen, weil sie so oft an ihn denken musste. Sie stellte sich vor, wie sein Mund aussah, wenn er so wundervoll lachte. Oder wie seine Hände aussahen, wenn er an seinem Rechner das nachvollzog, was ihr Probleme bereitete, weil sie einen Zusammenhang nicht verstand.

Sie brauchte gar nicht zu wissen, wie er aussah, sie erkannte ihn sofort, als sie das kleine Kaffee betrat. Er strahlte sie an, stand dann auf und sie reichte ihm schüchtern die Hand. Das tat man nicht, sich mit einem Mann zu treffen, den man gar nicht kannte. Er ergriff ihre Hand mit einem kühlen Händedruck, zog sie neben sich auf die Bank und sagte dann, er freue sich sehr. Sie betrachtete Cord lange und er grinste dabei. Sie studierte intensiv seine Augen hinter den Brillengläsern, er hatte lange, dunkle und dichte Wimpern, die Augen waren braun und er sah etwas verschlafen aus. Es war Samstagmorgen, da schien ihr das nicht ungewöhnlich. Er hatte ein ungewöhnlich geschnittenes Gesicht mit einem sehr schönen, sinnlichen Mund und das Grinsen verlieh Cord etwas Jungenhaftes, obwohl er schon fast fünfzig war, schätzte sie.  

Zwei Monate später war er ihr absolut vertraut. Sie kannte jeden Zentimeter seines Körpers, sie hatte ihn intensiv erkundet, voller Entzücken über soviel Schönheit. Sie saß auf ihm in diesem billigen Hotelzimmer in Frechen, hatte ihn tief in sich und sie hatten sich an den Händen gefasst und er hatte sie mit einer Geste gebeten sich nicht zu bewegen, damit er nicht sofort käme. Sie schien ihn sehr zu erregen. Wenn er in sie drang, dauerte es nur ein paar Minuten und er ejakulierte. Aber heute wollte er es hinauszögern, als wäre heute ein besonderer Tag. Sie hatten auch noch nicht miteinander geredet, sie hatten sich geküsst, als er die Tür des Zimmers für sie öffnete, lange und intensiv und ihr kam es unglaublich süß vor, so liebevoll. Sonst war es auch liebevoll, aber heute war etwas anders. Sie konnte es nicht in Worte fassen und sie konnte auch nicht lange darüber nachdenken, so sehr nahm er sie gefangen. Sie beugte sich zurück, löste ihre Hände von seinen und legte sie auf seine muskulösen Oberschenkel, die warm waren und sich so gut anfühlten, weil sie mit kleinen Härchen bedeckt waren. Sie sah ihn an und wünschte sich, dieser Moment würde ewig dauern. Er sah ihr in die Augen mit einem Blick den sie nicht so richtig deuten konnte. Es war, als würde er sich ihren Anblick in die Seele brennen wollen und es erschien ihr unerträglich schön und sie schloss ihre Augen.

Danach lag sie mit dem Gesicht auf seinem Bauch, küsste den Nabel und ließ sich die Hand streicheln, die auf seiner Brust lag. Tief sog sie seinen Duft ein, seine Haut roch immer wie sonnengebräunt, ganz vertraut. Keiner der beiden wollte gehen. Also blieben sie liegen, mit geschlossenen Augen, bis er begann, seinen Schenkel zwischen ihre Beine zu bohren, sofort erwachte ihre Begierde wieder und sie begegnete einem lustvollen Blick als er sie ansah. Sofort hatte er wieder eine pralle Erektion und er tat dann etwas, was er noch nie zuvor getan hatte. Er drehte sie auf den Rücken, bog ihre Beine auseinander und drang schnell in sie ein, fickte sie tief und hart, und sein Blick war nicht mehr zärtlich, eher verzweifelt. Sie empfand auch keine Lust, es war ein wenig schmerzhaft, wenn er so tief in sie drang, so schnell. Und dann kam er in ihr, sie fühlte die Hitze und dann blieb er auf ihr liegen. Atemlos und mit schweißnassem Haar, stützte sich dann auf die Arme, küsste sie wenig zärtlich, als sei er in Eile. Dann sprang er aus dem Bett, zog sich an und verschwand mit einem Murmel, das „Das war für mich“ hätte heißen können, sie war sich nicht sicher.

Martina blieb sprachlos zurück, verletzt und einem Tränenausbruch nahe. Was hatte sie getan? Sie konnte nichts falsches gesagt haben, sie hatten heute nicht miteinander gesprochen. Verwirrt und mit roten Augen zog sie sich an und zahlte dann die Rechnung für das Zimmer an der Rezeption, das hatte sie noch nie getan. Als sei er geflüchtet, fand sie. Als sie im Auto saß flossen ihre Tränen dann doch und sie verbrachte ein einsames, trauriges Wochenende, weil ihr Mann sich doch entschlossen hatte, endlich auszuziehen.

Im Sommer hatte sie es immer noch nicht verwunden. Sie hatte eine neue Kundenbetreuerin bei der Firma, eine schnippische junge Frau, die kein Wort darüber verlor, wo Cord abgeblieben war. Martina fragte auch nicht danach, das traute sie sich nicht. Sie konnte kaum damit leben, seine Stimme nicht mehr zu hören und nie mehr samstags zu wissen, wie er roch.
Im Juli reichte ihr Mann die Scheidung ein und sie hing ein Wochenende wehmütigen Gedanken nach, was sie veranlasste, alte Fotoalben heraus zu kramen, es waren auch welche ihres Mannes darunter, in denen sie noch nie geblättert hatte. Neugierig schlug sie eines auf, es war in rotes Kunstleder gebunden, das sich ein wenig klebrig anfühlte. Kalifornien 1990 stand auf einem Zettel, der ins Album geklebt war. Es zeigt Fotos von Thomas, ihrem Mann, damals noch blond und langhaarig, jetzt hatte er lichtes Haar, das ziemlich ergraut war. Er saß mit zwei weiteren Männern in einem Boot und alle drei grinsten übermütig in die Kamera.

Einen kannte sie, es war Oliver, Thomas’ bester Freund. Ihn hatte sie noch nie leiden können, er war laut, unverschämt und ging ihr einfach auf die Nerven. Und der andere sah richtig nett aus. Er hatte schwarze Locken, dunkle Augen und trug nur abgeschnittene Jeans, die seine schönen Beine zeigten. Und als Martina so sein Gesicht studierte, fiel ihr der Eckzahn auf, der ein wenig schief stand und ihm etwas Jungenhaftes verlieh, etwas Unperfektes an einem perfekten Körper. Kein Zweifel, das Foto zeigte Cord. Sie erstarrte und ließ das Album fallen. Cord kannte Thomas! Sie fasste es nicht! Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er die Frau seines Freundes vögelte! Nach Luft schnappend und Geräusche des Zorns ausstoßend, lief sie im Garten auf und ab. Sie war so wütend, dass sie die Rosenschere nahm und alle Rosen abschnitt, die so betörend dufteten, sie ließ die schweren Köpfe achtlos liegen und welken.
Und dann fiel ihr ein, dass Thomas immer von Oliver und Peter gesprochen hatte, wenn er von damals erzählte, als sie mit einer amerikanischen Limousine durch Kalifornien gefahren waren, Musik gemacht hatten und Mädchen kennen gelernt hatten. Er nannte ihn Peter. Sie lief zurück ins Wohnzimmer und nahm noch einmal das Album zu Hand.

Sie holte eine Lupe und betrachtete das Gesicht, das soviel jünger war als jetzt. Es war eindeutig Cord, die Linie des Haaransatzes, die dichten Wimpern… Augenblicklich brach sie in Tränen aus. Sie schnappte sich das Telefon und rief Oliver an.
„Martina, Schatz.“ sagte er erfreut. Er mochte sie gut leiden und dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, störte ihn keineswegs.
„Oliver? Damals in Kalifornien. Ihr Drei. Der Dritte. Der hieß doch Peter?“ stieß sie atemlos hervor.
„Jaha.“ sagte Oliver zögernd.
„Hast du mit dem noch Kontakt?“
„Ja. Wir spielen Fußball.“ Er klang enttäuscht, weil sie nicht wegen ihm anrief. Dabei war er davon überzeugt, ihre Abneigung und Unfreundlichkeit wäre in Wahrheit versteckte Schwärmerei für ihn.
„Ich brauche seine Nummer.“ forderte sie ungeduldig.
„Du kannst auch seine Adresse haben. Aber er hat keine Locken mehr.“ antwortete Oliver böse. Er selbst hatte bis auf einen Kranz Resthaar gar nichts mehr zu bieten und er litt darunter. Sie notierte sich die Anschrift und legte dann unvermittelt auf. Das letzte, was ihr bei Oliver in den Sinn kam, war Höflichkeit.

Am nächsten Morgen, es war Sonntag, stand sie früh auf, zog sich sorgfältig an und stieg mit duftigem Haar und perfektem Make-up in ihren Wagen. Die angegebene Adresse war ein Reihenhaus in Pulheim, unauffällig, wie die ganzen Häuser in dieser Straße. Als sie vor der angegebenen Hausnummer hielt, sah sie ein „Herzlich Willkommen“-Schild an der Tür nebst einem Kranz künstlicher Blüten, vor der Tür lagen achtlos zwei Kinderfahrräder, ein Fußball und mehrere Luftballons, aus denen schon die meiste Luft entwichen war. Sie war sich nicht sicher, ob sie hier sein durfte. Eigentlich nicht, hier gab es eine Familie. Sie hatte hier nichts verloren, nur, weil der Vater seinen Trieb nicht unter Kontrolle hatte. Sie drehte um und ging wieder zum Wagen, sie atmete tief durch, um den Schmerz ertragen zu können, der sie befallen hatte.

„Martina?“ Sie drehte sich um. Ein Mann näherte sich ihr, der aussah wie Cord. Aber seine Stimme klang heller. Irritiert blieb sie stehen. Er sah haargenau aus wie Cord.
„Ich bin es nicht.“ sagte er errötend, als er sie an ihrem Wagen erreicht hatte.
„Nein. Du bist Peter.“ erwiderte sie. Und dann ging ihr auf, was beim letzten Treffen anders gewesen war. Sie hatte sich nicht mit Cord getroffen, sondern mit Peter, der eindeutig sein Zwilling war. Martina hatte einen Augenblick das Gefühl, sie würde jetzt überschnappen. Jetzt in diesem Moment.
„Ich hatte es ihm versprochen. Er wollte dich nicht enttäuschen. Aber dann bekam er einen zweiten Schlaganfall.“ sagte Peter leise, der sehr deutlich sprach, um Gegensatz zu Cord. Hätte er damals gesprochen, es wäre ihr aufgefallen. Aber die Ähnlichkeit war geradezu unheimlich, alles stimmte überein, sogar der schiefe Zahn.
„Schlaganfall?“ Sie hörte durch die geöffnete Haustür zwei Jungs im Garten herumtoben.
„Ja, es… Ja.“ sagte Peter und sah sehr niedergeschlagen aus.
„Er ist tot.“ flüsterte sie entsetzt. Cord war gestorben! Deshalb hatte sie nichts von seinem Verbleib erfahren! Ihre Beine zitterten bedenklich.
„Nein. Er ist im Garten.“ sagte Peter nach einer Weile, als er sie nachdenklich betrachtet hatte. „Es tut mir leid, das mit damals. Es war nicht richtig.“ setzte er hinzu.
„Du bist wie er.“ sagte sie und wollte in ihren Wagen steigen, aber er hielt sie am Ärmel fest.
„Verstehst du? Du bist wie er. Ich hätte es doch merken müssen.“ Sie schrie es fast.
„Ja. Ich bin wie er. Geh zu ihm. Er wird sich freuen, Dich zu sehen.“ sagte Peter, als hätte er sich dazu durchringen müssen. „Geh zu ihm. Er hat nichts mehr. Nur dich.“
„Und seine Frau?“ fragte Martina. Peter zuckte die Schultern und verzog das Gesicht.
„Nur noch die Kinder sind da.“
„Das sind nicht Deine?“
„Ich war nie verheiratet. Geh schon.“

Als sie in den Garten kam, sah sie zuerst zwei Jungen von etwa acht und zehn, die übermütig auf einem Trampolin herumhopsten. Und im Schatten einer hohen Hecke saß Cord in einem Rollstuhl, die Hände im Schoß, unbeweglich. Eine Leere stand in seinem schönen Gesicht, die ihm etwas Unheimliches verlieh, so, als wäre er nicht hier. Martina näherte sich langsam, mit klopfendem Herzen, sie fühlte den Puls an ihrem ganzen Körper. Und dann kniete sie sich neben ihm ins Gras und legte ihr Gesicht auf seinen Oberschenkel, zog seine rechte Hand auf ihre Wange und verharrte dort eine Weile. Es war die schönste, bewegendste Berührung, die sie je gefühlt hatte. Dann hörte sie Schritte und Peters Hand streichelte ihr Haar, weil Cord es nicht mehr konnte.